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Autonomie und Verbindung: ein Widerspruch?

von | 24.11.2023 | 25 Kommentare

Als Kinder haben wir nicht viele Wahlmöglichkeiten und dennoch wählen wir. Unbewusst. Diese Entscheidungen bestimmen oft unseren weiteren Lebensweg, ohne dass wir überhaupt wissen, dass wir uns für oder gegen etwas entschieden haben. Eine dieser unbewussten Entscheidungen, die unser Leben prägen, ist die Entscheidung unsere Würde zu schützen oder uns aufzugeben, um Bindung zu erhalten. Beide Entscheidungen haben tiefgreifende Folgen.

Es gibt Kinder, die in dysfunktionalen Familien aufwachsen und Demütigungen, Lieblosigkeit oder sogar Gewalt erleben, die innerlich beschließen nichts und niemanden mehr brauchen zu wollen und nie wieder jemanden so zu lieben, dass sie verletzlich und abhängig sind. Sie schützen ihre Würde und wählen die Autonomie.

Andere Kinder haben unter Aufgabe ihrer Würde, versucht irgendwie eine Bindung und damit etwas Zuwendung von ihren Bezugspersonen zu erhalten. Sie haben Kontakt und Beziehung über ihre eigene Würde gestellt.

Autoregulation und Interregulation

Haben wir eine sichere Bindung erlebt, dann müssen wir uns nicht entscheiden zwischen unserer Würde und Kontakt. Wir lernen, dass wir beides haben können: Liebe und Verbindung in Freiheit und Autonomie. Nur für Menschen aus unsicheren Bindungen sind diese Begriffe Gegensätze, die nicht zu vereinen sind.

Müssen wir wählen, bezahlen wir einen hohen Preis. Egal für welche der beiden Seiten wir uns entschieden haben. In beiden Fällen ist unsere Selbstregulation und gesunde Bindungsfähigkeit meist herabgesetzt und eingeschränkt. Besonders da Betroffene, die sich für Autonomie und Würde entschieden haben, sich nur selbst regulieren können. Sie können keine Regulation durch andere Menschen annehmen. Sie werden sog. Autoregulierer. Leider kann kein Menschen sich immer gut selbst regulieren und so steht die Selbstregulatonsfähigkeit auf wackligen Füßen.

Das gleiche gilt für jene, die sich für Bindung entschieden haben. Sie haben oft große Angst vor dem Alleinesein und brauchen immer jemanden, der sie von Außen reguliert. Sie werden Interregulierer.

Autonomie und Beziehung – unvereinbar?

Schaffen wir es nicht mehr, uns aus uns selbst heraus zu regulieren, dann greifen wir auf äußere Ressourcen – funktionale und dysfunktionale — zurück.

Eine der Hauptquellen, um uns wieder in den optimalen Bereich zu regulieren, ist normalerweise Kontakt. Wir greifen dann auf die älteste Möglichkeit der Regulation zurück, die wir schon als Baby gelernt haben: Bei Stress hilft der Kontakt mit Mama.
Auch als Erwachsene greifen wir auf dieses Verhalten zurück – meistens allerdings vermutlich nicht mit Mama :-). Wir suchen Kontakt, indem wir mit jemanden sprechen, eine Freundin anrufen oder unseren Beziehungspartner aufsuchen. Manchmal reicht Sprechen jedoch nicht und wir suchen Körperkontakt. Wir wollen in den Arm genommen werden oder uns im Arm von jemandem Vertrauten ausweinen. Meist sieht die Welt dann schon anders aus und wir können uns beruhigen und neue Perspektiven einnehmen.

Für Autoregulierer ist es allerdings nicht möglich, mit ihrem inneren Leidensdruck zu anderen Menschen hinzugehen. Sie haben die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten, verlernt. Für einige Menschen, die sehr unsichere Bindungen in ihren ersten Lebensjahren erlebt haben, ist es schier unvorstellbar, dass jemand anderes für sie da sein mag. Noch unvorstellbarer ist es für sie, bei jemandem im Arm zu liegen und sich halten zu lassen. Da sie dies nie erlebt haben, liegt diese Erfahrung außerhalb ihres Vorstellungsbereichs und erfüllt sie außerdem mit großer Angst. Die Angst vor Verletzlichkeit, Bedürftigkeit und dem Gefühl jemanden zu brauchen macht ihnen so große Angst, dass sie engere Bindungen häufig vermeiden.

Die meisten Menschen, die sich für Autonomie entschieden haben, haben beschlossen (unbewusst) niemanden mehr zu brauchen oder niemandem mehr zu vertrauen. Wenn Kinder von ihren Eltern gedemütigt oder zurückgewiesen wurden, weil sie nicht alles alleine konnten, ist diese (unbewusste) Entscheidung oft das Resultat. Oder sie haben gelernt, dass sie „überwältigt“ werden, wenn sie jemanden brauchen. Sie haben die Erfahrung gemacht, für jede „Schwäche“ einen Preis zahlen zu müssen.
Dies geschieht, wenn ein Kind um Hilfe bittet – zum Beispiel um einen Baukastenturm höher bauen zu können – und sich dann eine Bezugsperson dazu setzt, dem Kind erst einmal erklärt, was es alles falsch gemacht hat, und dann den Turm alleine baut. Erfährt das Kind immer wieder, dass es entmündigt und entwertet wird, wenn es um Hilfe bittet, dann wird es meist irgendwann nicht mehr fragen.

 

Schutz der Würde oder Aufrechterhalten der Beziehung?

Die meisten von uns haben irgendwann in unserer Kindheit (wieder nicht bewusst, aber dennoch nachhaltig) zwischen dem Schutz unserer Würde oder dem unbedingten Aufrechterhalten der Beziehung entschieden. Denke bitte einen Moment nach: Wenn du Streit mit deinem Partner oder deiner Partnerin hast, ziehst du dich dann zurück, wirst du aggressiv oder bemühst du dich mit allen Mitteln darum, den Bruch wieder zu kitten, egal um welchen Preis oder wer „schuld“ am Streit war?

Menschen, die aufgrund ihrer Entscheidung als Kind ihre Würde schützen, zahlen oft einen hohen Preis, da sie in die Autonomie flüchten. Sie schneiden sich ab von tiefen Beziehungen. Ein solcher Prozess führt dazu, dass Menschen ihre Bedürfnisse stark verleugnen, damit sie nie mehr jemanden brauchen und sich dann womöglich abhängig und verletzbar fühlen könnten.

Fällt dieser Prozess bei Kindern sehr stark und absolut aus, so haben die Eltern oder Pädagogen irgendwann keinerlei Einfluss mehr auf das Kind. Es wird jedes Beziehungsangebot abwehren und häufig für viel Ärger sorgen.

Menschen, die immer für die Beziehung gehen, zahlen natürlich auch einen Preis: Manchmal mit ihrer Würde und ihrer Selbstachtung. Sie bleiben zu lange und versuchen immer wieder zu reparieren und die andere Person wieder in Beziehung zu bringen. Letztendlich kämpfen sie hier gegen ihre (Todes-) Angst vor dem Alleinsein, vor dem Verlassenwerden. Diese Angst ist so stark, dass ihr vieles geopfert wird. Irgendwann ist es sinnvoll, sich dieser Angst zu stellen, damit man neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln und auch die eigene Würde im Kontakt schützen kann.

Der gesunde Weg liegt auch hier wieder in der Mitte: Es geht darum, sowohl in Kontakt und in tiefe Verbindung gehen und um Hilfe zu bitten zu können als auch alleine für sich zu sorgen und Zeit selbst zu genießen. Man sollte auch in der Lage sein, Kontakte abzubrechen, die einem nicht guttun.

Hier findest du mein Youtubevideo zu diesem Thema:

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25 Kommentare

  1. Vielen Dank für deine klaren und berührenden Beiträge! Ich fühl mich so verstanden und angenommen von deiner Art wie du die Themen ansprichst! 🙏

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  2. Einer der schönsten Newsletter, die ich gelesen habe
    Worte, die mich tief berühren…

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  3. Danke, Dami. Immer wieder dafür, wie warmherzig, berührend, einfach und wahrhaftig Du Deine klugen, tiefen Erkenntnisse teilst. Ich fühle mich so oft getröstet und orientierter, wenn ich Deinen Blog lese oder mit Deinem Kurs arbeite und bin zutiefst dankbar für das, was Du und Dein Team geben.

    Kristin

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  4. Liebe Dami, vielen Dank für diese Zeilen. Ich arbeite gerade daran und fühle mich nicht so alleine in diesem Dillema.
    Karin

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  5. Hallo Dami, ich arbeite mich langsam durch den Kurs und kann nur Danke sagen.
    Du machst so eine tolle,hilfreiche u.unterstützende Arbeit.
    Ich habe gezögert,den Kurs zu kaufen,jetzt bin ich soooo froh,das ich es doch gemacht habe.
    Vielen herzlichen Dank, toll das es Dich gibt.
    Liebe Grüße ,Ursula Eckel

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  6. Beim Lesen fiel mir auf, ich kenne irgendwie beide Seiten.

    und die Fragen die dann natürlich unweigerlich auftauchen: wie konnten meine Eltern nur soviel „falsch“ machen in der Erziehung? klar, eigene Traumata in dem Bereich usw…. der Schmerz und die Aufarbeitung bleibt trotzdem an mir selbst hängen.

    Es drängt sich also eine Gerechtigkeits- und Schuldfrage auf usw. usf.

    Haben Sie Darauf eine Antwort Frau Charf?

    mfG

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    • Na ja, ich kann sagen, dass es Energieverschwendung ist dabei hängen zu bleiben, weil es keine Auflösung gibt. Es war wie es war und nun liegt es in der eigenen Verantwortung, was man damit macht.. mit sich und dem Leben.
      Es war unfair und man hatte an nichts schuld und ja die Verantwortung lag damals bei den Eltern und sie haben richtig viel falsch gemacht… Und nun… wie soll es weiter gehen. Wenn man an der Schuldfrage hängen bleibt kann man ein Leben lang bitter werden und das Leben geht an einem vorbei.
      Ich weiß, nicht so begeisternd, aber Sie müssen schauen, was für Sie stimmt und was Ihr Leben besser macht…

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  7. Liebe Dami, seit ca. 6,5 Jahren verfolge ich Deine Beiträge mit Hören und Lesen, viele auch doppelt, und verstehe sie jedes Jahr besser. Ich wollte Dir einfach nochmal zwischendurch mitteilen, wie dankbar ich Dir bin, für Deine Mühe, Deine Arbeit, für Deine Liebe, die Du uns schenkst. Du hast mir von Anfang an enorm geholfen, ich fühlte mich endlich verstanden, aufgefangen und nicht mehr so allein. Du bist echt ein Geschenk, hast mir nicht nur geholfen zu überleben, sondern auch halbwegs glücklich zu werden mit mir selbst. Ich habe meinen Seelenfrieden gefunden, kann mich inzwischen schneller von Menschen trennen, die mir nicht gut tun und mich nur manipulieren wollen und ausnutzen. Ich habe zum Glück schon immer einen Weg gefunden, mich selbst glücklich zu machen, habe immer alles hinterfragt, war wohl unbequem für andere, wurde daher zeitlebens kritisiert, vor allem in der eigenen Familie. Heute, bin 66 Jahre, verstehe ich alle Zusammenhänge und weiß, dass ich immer richtig war, keine „Psycho-Tante, nicht „geistesgestört“. Es tat schon weh … Liebe Dami, mein Leben war ziemlich hart und steinig, aber u.a. Dank Dir werde ich zumindest eines Tages glücklich meine letzte Reise antreten und mit einem Lächeln. DANKE, dass es Dich gibt. Ganz liebe Grüße, alles Glück der Welt und bleib‘ gesund. Deine Helga Schmidt. 💔💖💝 🍀 🌹

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    • Vielen Dank für dieses schöne Rückmeldung! Das ist groß!

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  8. Oh, das ist mein Lebensthema… Ich gebe mich fast selber auf, suche die Schuld immer bei mir, um Nähe zu bekommen. Und gerate dann auch meist immer an Männer, die mich auf Abstand halten, weil sie es nicht ernst mit mir meinen. Ich kann mich eigentlich ganz gut „verstellen“, sprich ich zeige meine innere Qual nicht. Aber da ich auch nie eine Partnerschaft hatte, in der ich mich geborgen fühlte, bin ich nie wirklich innerlich entspannt. Ich male mir tausend Szenarien aus, warum der Mann mich nicht mag, mich auf Abstand hält… Und immer bin ich die Schuldige. Sicher suche ich mir auch immer solche Männer aus. Aber man kann ihnen auch nicht in den Kopf gucken. Beim aktuellen Verehrten habe ich auch monatelang die Außenwelt von ihm, sprich Familie und Freunde, so gut es ging, durchleuchtet, bis ich den ersten Schritt gewagt habe. Und bin so schlimm auf die Nase gefallen, wie schon lange nicht mehr. Und je älter ich werde, umso hoffnungsloser wird es.

    Antworten
  9. Liebe Dami,

    du beginnst deine Mail und dein Blog mit der Frage: „Wofür hast du dich entschieden: Autonomie oder Bindung?“
    Du setzt mit der an alle gerichteten Frage voraus, dass jeder von uns in irgendeiner Form diese „Entscheidung“ trifft.
    Du sprichst im Hinblick auf diesen Konflikt von einer unbewussten „Wahl“, einer unbewussten „Entscheidung“, die wesentlich den weiteren Lebensweg bestimmt.

    Einer „Wahl“, einer „Entscheidung“, einem „Entschluss“ liegt eine Intention zugrunde, auch wenn sie völlig unbewusst ist. Man kann sich neu entscheiden, sobald man sich der ursprünglichen Intention bewusst wird. Was könnte einen davon abhalten? Wenn ich meine Angst vor Verletzung, vor Überwältigung und vor Verlust der Würde fühle, habe ich die Wahl mutiger zu sein. Für eine Entscheidung trage ich spätestens dann die Verantwortung, wenn sie mir als solche bewusst wird.
    „Die meisten Menschen, die sich für Autonomie entschieden haben, haben beschlossen (unbewusst) niemanden mehr zu brauchen oder niemandem mehr zu vertrauen.“

    Du sprichst vom Schutz der eigenen Würde und einer Flucht in die Autonomie, „damit sie nie mehr jemanden brauchen und sich dann womöglich abhängig und verletzbar fühlen könnten.“, also von einem eindeutig psychodynamischen Vorgang.

    An anderer Stelle hast du (wofür ich dir sehr dankbar war/bin) über die Bedeutsamkeit von Co-Regulation gesprochen und darüber, was passiert, wenn Eltern dazu nicht oder nur unzureichend fähig waren. Du hast dabei sehr klar und eindeutig beschrieben, dass nicht wenige Menschen überhaupt kein Gespür für Nähe haben, da sie niemals ein wirkliches Du erfahren haben.

    Zitate von dir:
    „Babys haben noch gar keine Absichten. Sie brauchen die Regulation von außen, jemand, der sie tröstet, weil sie rein biologisch das noch gar nicht können.“

    „Ich kann Nähe nicht einfach so, wenn ich sie nicht erlebt habe.
    Wir können uns selber nur spüren, wenn es ein Du gab, dass uns gespürt und gespiegelt hat.
    Das ist das große, große Dilemma, in dem Menschen sitzen, dass sie sich eigentlich immer abgeschnitten, immer einsam fühlen, selbst wenn sie unter Menschen sind…… selbst in ihrer Partnerschaft, weil der Bezug zu sich selber fehlt. Und das können wir nur lernen über ein Du über das wir das Ich lernen.“

    „Wir können bestimmte Dinge nicht erreichen ohne ein Du.“
    „Wenn wir nicht wissen: Was ist Nähe? Was ist Kontakt? Was ist Intimität? Das können wir nicht alleine lernen. Wie soll das gehen.
    D.h. wir brauchen ein Gegenüber. Wir müssen es mit anderen Menschen üben.“
    (Zitate – hoffentlich korrekt – aus Gesprächen mit Leonhard Heygster)

    Zur Veranschaulichung des Themas Co-Regulation hast du auf das aufschlussreiche Youtube-Filmchen von Edward Tronick (The Still Face Experiment) verwiesen, in welchem sich eindrucksvoll zeigt, was im Körper geschieht, wenn der empathische Kontakt, die Spiegelung, unterbrochen wird.
    Ich stelle mir vor, wie dieses Filmchen weiter gegangen wäre, wenn die Mutter dort aus ihrem Erstarrungszustand nicht zurückgekehrt wäre und ein Lebensfilm daraus geworden wäre. Ich vermute, die Qual des Babys wäre in heftigen Protest und Schreien übergegangen und das Nervensystem wäre schließlich in einem Zustand der Übererregung angelangt, welcher lebensgefährlich hätte werden können. Ich bin sicher, du kennt die für diesen Fall biologisch vorgesehene Schutzreaktion des Körpers („Shutdown“), welche vom dorsalen Vagus induziert wird. Die Erforschung dieses Phänomens war der Ausgangspunkt von Stephen Porges‘ Polyvagaltheorie. (Bilde ich mir nur ein, dass ich dich auch darüber sprechen hörte?)

    Mich irritiert ganz einfach, wenn du von „Entscheidung“, „Entschluss“ oder „Wahl“ sprichst, auch wenn du sagst, dass diese völlig unbewusst getroffen wird. Ich denke, dass nicht selten die Voraussetzungen einer Wahl fehlen und dass es häufig auch keine noch so unbewusste Intention dabei gibt. Ein Shutdown ist ein rein neurobiologischer Vorgang jenseits (und eventuell entgegen) jeglicher Intention – so ziemlich das Gegenteil einer „Wahl“ oder „Entscheidung“. So stressig ein solches Durchleben im akuten Fall ist, so erleichternd war für mich, dies eines Tages mal endlich zu verstehen, und mir damit nicht mehr die Frage stellen zu müssen, „Warum mache ich das?“ oder „Warum kann ich es nicht ändern, obwohl ich doch weiß, wie verheerend der Kontaktabriss sich für mich auswirkt?“.
    Von Johannes Schmidt kenne ich den Ausdruck „Selbstphobie“, der hier angebracht wäre.

    Am allerwenigsten bewahre ich durch einen Shutdown meine Würde. Ich habe immer das genaue Gegenteil erlebt. Ich kann mir kaum Würdeloseres vorstellen als die innere Unfähigkeit, zu anderen Menschen in Resonanz zu treten. Es ist gewissermaßen der Gipfel eines Gefühls von Unzulänglichkeit und meine allergrößte Angst. Es fällt mir nach wie vor schwer, gnädig mit mir zu sein, wenn es passiert.
    Ich habe kenne dieses Gefühl auch nicht erst, seit ich erwachsen bin, sondern von Kindesbeinen an. Es ist vielleicht charakteristisch für Menschen, die wir umgangssprachlich gerne als „unsicher“ bezeichnen.

    Deine Beschreibung des Konfliktes zwischen Bindung und Autonomie mag für Menschen passen, die ihre frühesten Phasen einigermaßen unbeschadet überstanden haben. Nicht jeder hat das, wie du ja oft treffend beschrieben hast.

    Lieben Gruß, Volker

    Antworten
  10. Ein ganz, ganz wichtiges Thema… beim Lesen sind mir bitte Tränen gekommen… die Bilder aus meiner Kindheit sind aufgetaucht, wo ich genau vor dieser Entscheidung stand… und der Schmerz, der damit verbunden war/ist…
    Danke…

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  11. Irgendwie habe ich alle beide Varianten perfektioniert …. Je nachdem, wie ich leichter mit den Gegebenheiten umgehen konnte, habe ich mir auch Zärtlichkeiten abgeholt, obwohl ich im Allgemeinen sehr abgeschottet blieb.

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  12. Liebe Dami , danke dafür. Du erklärSt immer sehr klar. Ich finde mich in beidem wieder. Lebe immer schön alleine ,bin . was mich zunehmend schmerzt aber eben die Bezuehungen die ich hatte , da bin ich dann verschmolzen. Auch nicht gut.
    Danke. Da kann ich jetzt noch besser wieder beobachten.
    Schade dass du soweit weg bist von mir. Aber gut dass du online so präsent bist. Liebe Grüße

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  13. Wie immer, komplett den Nagel auf den Kopf getroffen. Menschen, die durchs Leben gehen, auf der „Suche nach sich selbst“, schaut man genauer hin, eher auf der Suche nach Antworten auf das „Warum ihres Lebens“, finden auf Deinen Seiten Antworten und Erkenntnisse zum Selbstverständnis und zum Lernen.

    Lieben Dank, dass Du zur Gesundung der Gesellschaft beiträgst in all den wertvollen, kostenlosen Artikeln und Videos.

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  14. Hallo Dami mit Team,
    ich möchte mich für Eure Arbeit und Impulse bedanken. Sie sind sooooo wertvoll!!!!

    Sie ermöglichen mir Bewusstsein zu entwickeln und schaffen mir die Möglichkeit mit meinen Themen in Kontakt zu treten und Veränderungen in meinem Handeln hervorzubringen.

    Ich habe seit so vielen Jahren nun endlich wieder Kontakt zu mir gefunden und spüre meine Lebendigkeit!

    Danke! Danke! Danke! ….

    Auch das aktuelle Thema “ Autonomie und Verbindung“ trifft mich sehr und beim Lesen schauerte es mir durch den ganzen Körper! Ich lasse den Inhalt noch wirken und schaue, welche Impulse aus mir heraus kommen.

    Macht weiter so!

    Antworten
  15. Danke für das wichtige Thema, mit dem ich mich ja auch beschäftige; und noch bewusster durch diese Anregung.
    Bei mir war’s immer so — früher noch mehr als heute — dass ich in BeziehungsKonflikten den 2. Weg/Mechanismus gewählt habe; also meine Würde und Selbstwertgefühl aufgeben habe, um die Verbindung zu suchen, zu halten und zu reparieren (ich repariere aber überhaupt sehr gerne und gut, also kaputte Dinge 😉). Das hat sich inzwischen etwas verändert, so dass ich versuche abzuwägen je nach Situation / Fall — und die goldene Mitte zu finden wenn möglich.
    Auch bei kleineren Unstimmigkeiten, wenn zB Jemand nicht auf WhatsApp reagiert oder aber zuviel / zu oft agiert, überleg ich mir wie ich damit umgehe.
    Gut ist auch, mal besonnener zu werden und zu lernen, auf meine eigenen Fehler zu achten — anstatt mich um die Fehler meiner Mitmenschen zu kümmern und sie anzuprangern: unbesonnen-naseweiß und vllt nur um mich beliebt und wichtig zu machen!
    Falsches Verhalten zuzugeben fällt auch mir nicht leicht; oder auch, nicht gekränkt und beleidigt zu sein, wenn Jemand mich darauf hinweist …!
    Manches, aber eher selten, löst sich ja auch in „Wohlgefallen“ auf, weil es nur ein Missverständnis oder Irrtum war …

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  16. Danke, weiter so ..🥰

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  17. Hallo Dami,
    vielen, lieben Dank für diesen tollen Beitrag. Ich habe mir danach viele Fragen gestellt und hatte danach Klarheit. Und zum Thema Schuld, was hier zur Sprache kam von jemanden. Meine eigene Einstellung dazu ist, es geht nie um Schuld. Jeder macht das, was er kann, so gut er kann. Auch unsere Eltern sind das Produkt ihrer Kindheit. Mir half so unglaublich die Vergebung, so lebe ich frei von Erlebtem (kann ich nicht mehr ändern) und von der Person. Das Leben wird dann freier und man lebt nicht mehr zurück, sondern nach vorn. Ich vergleiche das mal mit meinen wunderbaren Tieren, alle aus dem Tierschutz, alle mit Vergangenheit. Sie leben im Hier und Jetzt, sie überschreiben schlechte Erfahrung mit vielen positiven Erfahrungen. Du hast mir durch deine mitfühlenden Texte so viel erklärt, ich fühle mich nicht mehr falsch, sondern verstanden – herzlichen Dank dafür. Allein, dass ich verstehe, warum ich so bin, wie ich bin, hilft so unglaublich. Du warst mir die größte Stütze aus der Vergangenheit (schrecklich mag ich nicht mehr schreiben, da es mehr Gewichtung bekommt) heraus, in eine tolle Zukunft. Ich danke dir und zitiere dich „Ich hätte mir nie vorstellen können, wie blau der Himmel sein kann“.

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  18. Hallo Dami,
    heute bin ich zum ersten Mal auf ein Video von dir gestoßen und es hat mir so viel Klarheit gebracht über mein eigenes Beziehungsmuster. Dabei glaubte ich, ich wüsste schon genug, da ich selbst Psychologin bin. Ich danke dir sehr und werde bestimmt noch mehr Videos von dir anschauen.

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