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Corona Tagebuch – neue Fragen

15.04.2020 | 3 Kommentare

Hallo, hier ist wieder Helgrit.

Seit meinem ersten Tagebucheintrag ist etwas Zeit vergangen und aus dem vagen Gefühl eines Ausnahmezustandes ist eine weltweite Realität geworden.

Inzwischen schreibe ich von zu Hause aus. In einem Café zu sitzen und dort zu schreiben, ist nur noch eine blasse Erinnerung, wie aus einer anderen Welt.

Wenn ich mich umschaue, dann bin ich erschüttert, wie schnell und nachhaltig sich unser Leben verändert hat und wie viele auf sehr unterschiedliche Weise davon betroffen sind.

Es gibt offene Fragen, viele davon sind einfach nicht zu beantworten, weil es keine Erfahrungen und Referenzen für eine solche Situation gibt.

Eine Frage jedoch schiebt sich bei mir beständig in den Vordergrund.

Was geschieht gerade hinter den geschlossenen Türen?

Ich selbst bin in der glücklichen Lage, von zu Hause aus arbeiten zu können. Meine Wohnung hat einen Balkon, dort ich kann mich von der Frühlingssonne wärmen lassen, ohne das Haus zu verlassen. Ich kann selbst einkaufen gehen oder einen Spaziergang machen. Mit meinen Freunden bin ich im Kontakt, wenn auch auf eine ungewohnt distanzierte Art.
Dafür bin ich sehr dankbar.
Und dennoch bemerke ich, dass ich mich immer schlechter konzentrieren kann, ich verliere Struktur auf allen Ebenen und immer wieder auch mich selbst und das Gefühl von Verbundenheit.
Mir fehlt das echte Beisammensein. Wenn ich mit meiner Freundin skype, dann kann ich sie hören und auch sehen, aber kaum fühlen…
Bei mir geht das auch zusätzlich mit einem Verlust meiner Kreativität einher, weil es mir gerade verwehrt ist, spontane und zufällige Begegnungen und Impulse aufzunehmen und meinen eigenen Faden daraus weiter zu spinnen.

So vielfältig, wie unsere Lebensumstände sind, so individuell sind auch die Auswirkungen und Einschränkungen, die jeder von uns jetzt persönlich spürt.

Und es gibt keinen Vergleich. Kein, du hast es besser oder schlechter getroffen.

Ob du dich gerade sehr einsam fühlst, weil du alleine in deiner Wohnung sitzt, oder überfordert bist, weil du in einer Gemeinschaft lebst, in der es kaum Platz für einen Rückzug gibt, oder die Möglichkeit, die eigenen Grenzen zu wahren. Wir alle müssen uns neu orientieren und unser Leben den Anforderungen entsprechend anpassen. Darauf sind wir weder vorbereitet noch geschult.

Das alles können wir mehr oder weniger noch selbst in die Hand nehmen, so gut es eben geht. Wir sind eingeschränkt, aber wir haben trotz allem noch Wahlmöglichkeiten.

Was aber ist mit denjenigen, die diese Wahlmöglichkeiten kaum noch oder gar nicht mehr haben?

  • Risikogruppen, die isoliert werden, um sie zu schützen.
  • Diejenigen, die stationär betreut werden, in Krankenhäusern oder in Heimen und keinen Besuch mehr bekommen.
  • Kinder, die in schwierigen familiären Situationen leben und deren bisher sowieso schon begrenzten Möglichkeiten, sich jemandem anzuvertrauen nun völlig wegfallen.
  • Wie viele sind von häuslicher Gewalt oder Übergriffen betroffen, denen sie kaum noch entfliehen können?
  • Welchen Weg wählen Menschen, die von Ängsten und Einsamkeit überrollt werden?
  • Wie löse ich finanzielle Probleme, wenn ich kein Geld mehr verdienen kann?

Wenn ich mich mit Freunden oder Bekannten unterhalte, dann begegnen mir die Auswirkungen der momentanen Einschränkungen auf eine sehr persönliche Weise.

Eine Freundin hat Angst davor, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, weil ihr Betrieb auf Kurzarbeit gegangen ist, eine andere lebt streng isoliert, um nicht krank zu werden, merkt aber zunehmend, dass dabei ihre psychische Gesundheit auf der Strecke bleibt.
Eine Bekannte erzählt von einer zufälligen Begegnung mit einer Freundin, die sich, trotz einer persönlichen Krise nicht umarmen lässt, weil sich das gerade nicht gehört.
Von anderen werde ich schräg angesehen, weil ich darüber nachdenke, ab welchem Zeitpunkt sich die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen ins Gegenteil verkehrt und wir für unsere Sicherheit einen zu hohen Preis bezahlen.

Ganz sicher gibt es noch viel mehr Facetten und Situationen, mit denen sich jeder einzelne von uns auseinandersetzen muss.

Dieses veränderte Leben erscheint mir wie eine Lupe, unter der wir immer deutlicher sehen können, was bisher unter dem normalen Alltag verborgen lag

Darunter finden wir gerade viele Schätze. Immer mehr trauen sich, Dinge zu tun, für die bisher kaum Zeit und Raum war. Und sich damit auch zu zeigen. Das ist berührend, macht mir Hoffnung und es hat das Potential, unser aller Leben zu bereichern und Verbundenheit wirklich zu fühlen und zu leben.

Und wir werden stärker mit unseren Gefühlen konfrontiert. Egal, ob es Traurigkeit oder Freude ist, Ängste, Wut oder die Fähigkeit sich berühren zu lassen. Alles das erscheint mir schärfer gezeichnet und auch das Verhalten, das daraus entsteht.

Was aber erreiche ich, wenn ich mich in meine Einsamkeit fallen lasse und resigniere?
Oder meiner Wut folge und andere beschimpfe, oder gar denunziere, weil ich mich angegriffen fühle oder ungerecht behandelt?
Wird uns das in dieser Situation weiterhelfen oder gar eine Lösung bringen? Ganz sicher nicht!

Schauen wir auf die schönen Dinge, die uns begegnen!

Letzte Woche war ich an einem kleinen Teich spazieren und bin auf etwas Buntes auf der Wiese aufmerksam geworden. Neugierig geworden, habe ich es mir näher angeschaut. Es war eine Kette aus bemalten Steinen und die Bitte, diese Steine nicht mitzunehmen. Stattdessen sollte sich jeder eingeladen fühlen, einen eigenen Stein zu bemalen und dazu zu legen. Und zum Schluss stand da die Frage, ob wir es wohl gemeinsam schaffen, mit dieser Kette den Teich einmal zu umrunden. Diese Einladung nehme ich gern an. Und ich bin gespannt, wie weit wir kommen. Gemeinsam, ohne dass wir uns kennen und wahrscheinlich auch nicht real begegnen werden. Ein gemeinsames Ziel zu haben, dadurch verbunden zu sein, Freude zu spüren und weiter zu geben… auch das geht und zeigt, wie viel Kraft in kleinen Dingen stecken kann.

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3 Kommentare

  1. Elke

    Danke für diese Gedanken, das spricht mir direkt aus der Seele und spricht meine Seele an.

    Antworten
  2. Nini

    Liebe Helgrit!
    Bei meinen „Morgenrunden“ früh um 6 habe ich bei uns auch so eine „Steinschlange“ entdeckt und fotographiert. Und ich habe an dich gedacht!
    So schade, dass ich hier kein Foto zeigen kann. Ich will unbedingt auch einen Stein dazulegen, auch wenn ich mir erst Farbe organisieren muss.
    Ganz herzlicher Gruß, Nini

    Antworten
  3. Melanie

    Liebe Helgrit, ich habe mich auch sehr über deine nachdenklich und empathischen Worte gefreut.
    Mir ist heute ein Essay des amerikanischen Kulturphilosophen Charles Eisenstein ins Haus geflattert, den ich gern teilen möchte mit euch und allen, die hier lesen. Hier der Link zur deutschen Übersetzung:
    https://charleseisenstein.org/essays/die-kronung/

    Der Zustand des Getrenntseins ist für ihn ein zentraler Aspekt und wird auch im Kontext von Trauma besprochen.
    Eine herzliche Empfehlung, liebe Grüße

    Antworten

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