Blog

Traumaheilung » Blog » Das Virus und Wir

Das Virus und Wir

26.03.2020 | 0 Kommentare

Leergefegte Straßen, verlassene Geschäfte, leergeräumte Regale… Papier, das langsam über eine leere Straße weht… Menschen, die in Krankenhäusern nicht behandelt werden können….
Wer von uns hat noch keinen Film gesehen, der eine Pandemie zum Thema hatte. Zum Glück kann der Held (meistens tatsächlich der Held) irgendwann das Schlimmste verhindern und die Normalität übernimmt Stück für Stück wieder den Alltag.

Niemand von uns hätte wohl wirklich geglaubt, dass wir irgendwann selbst die Heldinnen und Helden eines solchen Filmes werden. Nur, dass es diesmal kein Film ist, sondern ein Stück Wirklichkeit.
Während ich dies schreibe, sitze ich in San Diego in einem Café. Der Notstand ist ausgerufen und die ersten Hamsterkäufe finden auch hier statt. Regale sind leergeräumt und nirgendwo gibt es noch Toilettenpapier….. wie in Deutschland (kann mir jemand sagen, warum Toilettenpapier?)

 

Amerika ist abgeriegelt und ich sitze in einem Café!? Alleine das ist ein Widerspruch, der mich vollkommen verwirrt. Ich spüre, wie mein Gefühl für Realität immer wieder ins Wanken gerät. Niemand von uns hat eine Referenz für das, was gerade stattfindet. Die einzige Referenz sind Katastrophenfilme und die sind als Referenz nicht sinnvoll. So sind wir denn alleine mit unseren Gedanken, Gefühlen und Phantasien.

Dazu kommt, dass wir letztlich auf vielen Ebenen ohnmächtig sind und unser Leben gerade geprägt ist von den Entscheidungen anderer und von einem Etwas, das wir nicht einmal sehen können – einem Virus.

Diese Art von Ohnmacht kann viele alte Ängste und Erfahrungen wieder wachrütteln und uns das Leben zusätzlich schwer machen. Bei manchen Menschen kommen Gefühle von ausgeliefert-sein und Hilflosigkeit hoch. Andere werden innerlich aggressiv und wissen kaum wohin mit ihrer hilflosen Wut. Es ist wichtig, diese Gefühle wahrzunehmen und uns etwas Zeit zu nehmen sie zu spüren, zu schauen, woher sie kommen, was mit Heute zu tun hat und was mit alten Erfahrungen von Ohnmacht. Gerade jetzt ist es wirklich wichtig, diese Gefühle nicht auszuagieren.

Viele unbeantwortete Fragen

Vieles von dem, was gerade passiert verstehe ich nicht. Manche Entscheidungen der Staaten kann ich nachvollziehen und manche nicht. Ich habe viele Fragen. Vielleicht werden sie beantwortet werden, vielleicht auch nicht.

Ich muss für mich hier die Frage beantworten, ob ich meine Reise – meine langersehnte und geplante Reise – abbreche oder hierbleibe und abwarte. Wenn jetzt der Höhepunkt der Ansteckung noch gar nicht erreicht ist, sondern in Deutschland erst im Juni und/oder Herbst erwartet wird, was wird dann sein?

Niemand von uns kann das wirklich voraussehen, denn niemand hat die Erfahrung. Meine Fragen sind, ob die Lage hier in den USA eskalieren wird, wenn endlich Leute getestet werden. Wie werden sich Amerikaner verhalten, wenn sie sich bedroht fühlen. Im Gegensatz zu uns Deutschen haben viele eine Waffe im Schrank…..

Auf welche Ideen wird Trump noch kommen, um zu kaschieren, dass es gar kein Gesundheitssystem im eigentlichen Sinne gibt? Wie lange werden noch Flieger gehen oder wird der Flugverkehr vollkommen eingestellt werden. Viele Fragen und ich habe keine Antworten. Ich muss mich ständig mit meinem Nicht-Wissen und meiner Unsicherheit auseinandersetzen. Auch damit, dass es womöglich keine richtige oder falsche Entscheidung gibt.
Meine FreundInnen in Deutschland und der Schweiz erzählen mir von ihrem Alltag und dem, was sich täglich verändert. Schlimmer geht immer.

Vor allem muss ich und wir alle für uns die Frage beantworten, was wir brauchen, um uns trotz allem halbwegs sicher zu fühlen?

Durch diese Gedanken komme ich wieder zum zentralen Thema meiner Arbeit und meines Anliegens zurück. Es gibt einen Aspekt dieser Weltkrise, den ich besonders verheerend finde. Das ist der Aufruf zur Vereinzelung, zur sozialen Isolierung. Wir sollen uns gegenseitig schützen, indem wir keinen Kontakt mehr haben. Wir sollen die Menschen, die wir lieben schützen, wenn wir ihnen das Essen vor die Tür stellen und Kontakt vermeiden, die Enkel sollen von ihren Großeltern fern gehalten und keinen Körperkontakt mehr haben. Aus gesundheitlichen Gründen kann ich diese Empfehlungen selbstverständlich verstehen, doch gleichzeitig beraubt es uns der einen Kraft, die uns alle am meisten stärkt: Zusammenhalt und Verbindung.

Gestern schrieb mir eine Freundin, dass ihr Vater 70 geworden ist und darauf bestanden hat die Familienfeier mit Gästen trotz Corona “durchzuziehen” und letztlich hat sich die ganze Familie darauf eingelassen. Ich kann aus persönlicher Sicht diese Entscheidung des Vaters gut verstehen. Gemeinschaft lässt uns stark sein. Das Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit gibt uns Sinn und Lebensfreude.

Wir müssen aufpassen, dass uns die Angst nicht unsere Menschlichkeit nimmt. Gerade in Zeiten wie diesen, die wir alle nicht kennen und in denen sich mehr als je sonst in den letzten 60 Jahren zeigt, wie abhängig wir alle voneinander sind und wie vernetzt unser Leben ist. Gerade jetzt sollten wir einander mit Freundlichkeit und Respekt begegnen. Je mehr Angst und Wut wir haben, desto freundlicher sollten wir sein.

Wut erzeugt Wut und Angst erzeugt noch mehr Angst. Emotionen sind ansteckend und wir müssen gut überlegen mit welchen Emotionen wir in die Welt gehen wollen und mit was wir andere “anstecken” wollen.

Ich finde es tragisch, wenn eine Freundin, die in einem Café arbeitet von ihren Gästen „angepampt“ wird, dass es ja wohl unhygienisch sein, wenn sie die bestellte Kaffeetasse berührt… Wie soll sie denn sonst den Kaffee machen? Verdient sie nicht im Gegenteil Anerkennung dafür, dass sie noch im Café steht und diesen Raum offenhält und sich selbst vielen Menschen aussetzt?

Die Verwundbarkeit in der Krise

Diese Krise wird einige Not und Verluste mit sich bringen. Jetzt schon habe ich Freunde, die kein Geld mehr verdienen, weil ihre Arbeit abgesagt ist oder Klienten ihre Stunden absagen. Es werden Menschen sterben.

Wir alle werden persönlich und gesellschaftlich nicht unverwundet aus dieser “Virus-Sache” herausgehen. Und nebenbei lernen wir, wer die wahren “Herrscher des Universums” sind.

Es sind nicht wir, es ist ein kleines Virus!

Eigentlich nicht einmal ein ganz schlimmes Virus, aber genug, um die Weltordnung zu erschüttern und unser Leben aus der Bahn zu werfen.

Vielleicht können wir als Menschheit etwas daraus lernen und unsere Beziehung zur Natur und dieser Erde überdenken. Aber ich fürchte, da erwarte ich zu viel. Mich macht es demütig zu sehen, wie wenig Macht und Kontrolle ich habe. Wie schnell sich alles verändern kann. Gleichzeitig macht es mich glücklich zu sehen, dass ich mein Leben ein gutes Stück richtig ausgerichtet habe und ich meine Wahlfamilie pflege und ich nun sehe, wie tief unsere Verbindung ist. Wie sehr alle nacheinander fragen und sich kümmern wollen. Wieviel Post ich bekomme. Das wärmt mein Herz.

Schaut respektvoll auf den anderen!

Wir Menschen sind erstaunliche Wesen. Unsere Kreativität und Widerstandsfähigkeit sind enorm. Lasst uns unsere Kräfte gemeinsam dafür nutzen, unsere Welt, unsere Gesellschaft trotz und weil wir in einer Krise leben, zu einem lebenswerten Ort zu machen. Lasst uns freundlich und hilfsbereit sein. Für die meisten von uns ist der Virus nicht gefährlich, es besteht kein Grund, sich gegenseitig anzufeinden und uns das Leben zusätzlich zur Hölle zu machen. Lasst uns gemeinsam beweisen, dass wir mehr können als nur Angst haben und uns abzuschotten und uns gegenseitig auszugrenzen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich klinge wie unsere Kanzlerin: „wir werden auch diese Krise meistern“.

Ich möchte bei aller Unsicherheit den Silberstreifen am Horizont nicht aus den Augen verlieren und vor allem meine Mitmenschen weiter als Menschen sehen. Dieser Silberstreifen bist du und deine Zugewandtheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Zum Schluss möchte ich dich an das Happy End der Weltuntergangsfilme erinnern, die ich am Anfang erwähnte. Erinnerst du dich, was meist das letzte Bild dieser Filme ist? Freunde, die sich wiedersehen und in die Arme fallen, Familien, die wieder gemeinsam am Tisch sitzen und die Musik spielt dazu. Lasst uns dies Wirklichkeit werden lassen.

Ich danke euch allen!

 P.S. Inzwischen sitze ich in San Francisco am Flughafen und warte auf meinen Flug nach Hause. Die Würfel sind gefallen und ich kehre nach Deutschland zurück. 

Vielleicht ist dieser Podcast für dich interessant:

NDR-Corona-Podcast von dem Virologen der Charité in Berlin, Christian Drosten. Sehr informativ und „unaufgeregt“. Der NDR führt ungefähr eine halbe Stunde ein tägliches Interview mit ihm.

www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html

Letzte Beiträge

Tagebuch zu Zeiten des Corona Virus

Tagebuch zu Zeiten des Corona Virus

Hallo! Ich bin Helgrit. Ich gehöre zum Online-Team von Dami und die Entstehung dieses Textes hat sehr viel mit meinem eigenen Weg zu tun. Unter anderem damit, dass ich gern schreibe. Vor allem, weil es mir dabei hilft, meine Gedanken zu sortieren und mich selbst zu...

Webinartermine

Webinartermine

Unsere Unterstützung für dich in der letzten Woche haben mein Team und ich insgesamt 6 Webinare kostenfrei angeboten. Leider werden wir alle noch eine Weile aushalten müssen, bis wir wieder in die Welt hinausdürfen und uns wieder mit anderen Menschen treffen können....

Die Reise Deines Lebens – Ein Interview

Die Reise Deines Lebens – Ein Interview

​Am Montag beginnt der Onlinekongress "Trauma und Heilung" hier bei uns. In diesem vorab Interview mit Judith Haferland ​sprechen wir über den Kongress und darüber warum das Thema jeden betrifft. Melde Dich jetzt noch schnell für den kostenfreien Onlinekongress...

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Datenschutz
, Besitzer: (Firmensitz: Deutschland), verarbeitet zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in der Datenschutzerklärung.
Datenschutz
, Besitzer: (Firmensitz: Deutschland), verarbeitet zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in der Datenschutzerklärung.