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Wie wir Hilflosigkeit erlernen

08.07.2017 | 2 Kommentare

Eine Folge von Traumatisierungen ist, dass wir uns oft unserer Hilflosigkeit ausgesetzt fühlen. Dies kann auch in Situationen geschehen, die eigentlich gut zu bewältigen wären. Bestimmt kennst Du das Gefühl von Erstarrung oder einer Leere in Deinem Kopf, wenn Du in manchen Situationen oder Gesprächen bist. Du bist irgendwie blockiert und kannst Dir selbst nicht helfen.

Wenn wir nicht fliehen können

Es ist wissenschaftlich bestätigt, dass wir Hilflosigkeit als Verhaltensweise lernen können. Dies gilt besonders dann, wenn wir durch traumatische oder überwältigende Ereignisse in irgendeiner Form geprägt sind.

Martin Seligmann hat vor vielen Jahren das Konzept der „Erlernten Hilflosigkeit“ entwickelt und ich möchte es dir hier vorstellen, da Hilflosigkeit immer wieder zu immensen Schuld- und Schamgefühlen bei Betroffenen führt.

Seligmann hat anhand von Experimenten mit Hunden erforscht, wie Hilflosigkeit erlernt wird. Er hat die Hunde in Käfige gestellt, die geteilt waren. Ein Teil der Hunde konnte über diese Teilung herüberspringen, der andere Teil nicht. Anschließend hat er einen Bereich des Fußbodens der Käfige leicht unter Strom gesetzt (so wie Tierversuche leider manchmal ablaufen).

Alle Hunde, die fliehen, also in den sicheren Teil des Käfigs springen konnten, haben keine weiteren Verhaltensänderungen gezeigt. Die Tiere, die nicht springen konnten, sind nach der Öffnung des Käfigs nicht mehr geflohen, sondern haben sich auf den Boden gelegt und nicht mehr bewegt.

Es geht ums Überleben

Dieses Verhalten gibt es auch bei uns Menschen. Wenn wir gelernt haben, dass unsere Verteidigung nicht funktioniert oder zu fliehen nicht möglich ist, erstarren wir als Verhaltens-/ Überlebensmöglichkeit.

Das ist reine biologische Überlebensstrategie. Es ist nichts, was Du mit Deinem Willen oder Verstand regulieren könntest. Es zählt nur, dass wir in einer bestimmten Situation gelernt haben, dass dieses Verhalten uns das Leben gerettet oder uns weitergeholfen hat. Deshalb hat der Körper es als funktionierenden Mechanismus im System gespeichert und greift fortlaufend darauf zurück.

Wie es uns später hindert

Diese erlernte Hilflosigkeit kommt leider im Prozess des weiteren Lebens zum Tragen. Beispielsweise, wenn wir plötzlich in einen Konflikt geraten oder unangenehm verbal oder körperlich angegriffen werden. Unsere Reaktionen erstrecken sich dann über fehlende Worte bis hin zu völliger Erstarrung. Oft verstricken wir uns danach in Selbstvorwürfen und fühlen uns schuldig.

Du kannst erkennen, dass Du in einer solchen Erstarrung warst, wenn Dir in einem späteren Moment viele schlaue schlagfertige Antworten einfallen, auf die Du in der Situation nicht gekommen bist.

Es ist nicht deine Schuld

Mir ist an dieser Stelle noch einmal sehr wichtig zu betonen, dass es NICHT DEINE SCHULD ist! Dein Körper stellt in diesen Situationen auf Autopilot um und es gibt deshalb keinen Grund sich Vorwürfe zu machen!

Die gute Nachricht ist, dass Du diese Verhalten umlernen kannst. Es bedarf dafür nur Zeit und kleine Schritte. Sei geduldig und lieb zu Dir!

Was du tun kannst

Deine Aufgabe ist es nun in kleinen, ungefährlichen Situationen zu üben deine Hilflosigkeit zu besiegen. Dabei geht es darum deine Grenzen nach außen zu setzen oder öfter Nein zu sagen. Probiere es in nicht emotional aufgeladenen Situationen, die Dir nicht so wichtig sind. Wenn Dir zum Beispiel im Supermarkt in der Schlange jemand zu nahe kommt, kannst Du um etwas Abstand bitten.

Je öfter Du solche Situationen mit einem positiven Gefühl verlässt, desto stärker wird deine Widerstandsfähigkeit. Du gewinnst mehr Raum, um etwas tun zu können und fühlst Dich weniger hilflos.

Hilflosigkeit durch mangelnde Selbstbestimmung

Die erlernte Hilflosigkeit kann durch traumatische Situationen zustande kommen. Sie kann aber auch entstehen, wenn ich in bestimmten Situationen nie eine Chance hatte zu handeln oder selbst zu bestimmen.

Man hat festgestellt, dass Kinder, die kein eigenes Zimmer haben und sich immer dazwischen quetschen müssen, auch an dem Phänomen von erlernter Hilflosigkeit leiden. Sie machen ihre Hausaufgaben am Tisch, dann wird der Tisch gebraucht und sie müssen ihre Sachen wegräumen. Wenn sie immer wieder keinen Platz bekommen, um sich auszuleben, kann dies Folgen für die Entwicklung der Kinder haben. Sie lernen dann nicht Raum einzunehmen, ihre Grenzen (über einen Ort, über den sie selbst bestimmen dürfen) nicht kennen und nur sich anzupassen.

Die erlernte Hilflosigkeit kann sich z. B dann darin äußern, dass sie bei Herausforderungen oft sehr schnell aufgeben. Sobald sie es nicht sofort hinbekommen, verlässt sie der Mut.

Mitgefühl mit sich selbst haben

Diese Verhaltensweise zieht sich bei vielen Menschen durchs Leben. Der Gedanke, wenn einem etwas nicht gelingt, schnell aufzugeben, ist schnell da. ‚Ich schaffe es ja doch nicht‘. Der unsichtbare Widerstand von früher ist wieder da und hält mich auf, Dinge zu versuchen. Das Selbstvertrauen und auch der eigene Selbstwert, sich selbst mit den eigenen Bedürfnissen zu vertreten, ist niedrig.

Es ist wichtig, sich den Mechanismen, die hinter der Hilflosigkeit stehen können, bewusst zu werden und Mitgefühl mit sich selbst zu lernen.

Es ist Zeit Deine damalige Situation zu betrauern und Dich anzunehmen, denn Du trägst keine Schuld. Dabei geht es nicht darum in der Vergangenheit zu versinken. Das tut uns nicht gut. Sieh, dass in Dir ein altes Muster wirkt, das immer wieder greift, weil es Dir zum Überleben gedient hat. Erkenne das an! Denn es hat funktioniert, du lebst noch! Was immer Du dafür getan hast, es hat dazu geführt, dass Du heute hier bist und das ist toll!

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2 Kommentare

  1. Sabine Dudas

    Liebe Dami,
    herzlichen Dank für der Beitrag „Erstarrung“. Vor wenigen Monaten bin ich bei einem Arzt Dr. Fleischhauer,
    Aschaffel, gelandet, der mir gesagt hat, er habe selten einen solch „erstarrten Körper“ gesehen Durch manuelle Therapie bricht er die Erstarrung auf. Ich bin beglückt, dass das selbst bei mir ( 73J.) noch hilft und der Panzer um meinen Körper langsam weicher wird. Meine Erstarrung hat mir zerbrochene Halswirbel, jahrelange Schmerzen, Depressionen und Suizidversuche gebracht.
    Jetzt bin ich froh das fehlende Puzzleteil gefunden zu haben und Dein Bericht hat mich darin noch bestätigt.
    Wehmütig schaue ich auf einige vertane Chancen und Phasen des Leidens zurück. Trotz Therapien wurde die Ursache nicht erkannt. Aber ich lebe (noch) und habe durch eigene Erfahrungen Kindern mit Lern-
    schwierigkeiten helfen können, weil ich wusste, wie es sich anfühlt – und das ist ein sehr gutes Gefühl und dem Leben Sinn. Jetzt im Alter kommt Gelassenheit dazu und den Rest schaffe ich auch noch.
    Gut getan hat mir der Gedanke des eigenen Mitgefühls, ich glaube daran kann ich noch arbeiten!
    Nochmals herzlichen Dank.
    Sabine Dudas

    Antworten
    • Kritischer Beobachter

      Hat die manuelle Therapie tatsüchlich geholfen, auch auf die Psyche? Das ist bemerkenswert, alles Gute weiterhin.

      Zum Beitrag selbst: Das trifft es im Kern, großes Lob.

      Antworten

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  1. Hilflosigkeit vs Selbstwirksamkeit | Pollys Leben ohne Therapie - […] Hilflosigkeit ist ein Traumakennzeichen ist überall zu lesen z.Bsp. hier bei Dami Charf  […]

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