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Nein sagen lernen: Warum ein Ja ein Nein braucht

von | 06.09.2019 | 1 Kommentar

Warum ein Ja ein Nein braucht. Heute möchte ich eine Anregung aufgreifen, die ich ganz spannend fand. Jemand hat gefragt: „Was ist eigentlich mit dem Ja sagen? Alle sprechen davon, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen, was ist aber mit dem Ja sagen?“ ​

Vereinfacht gesagt, brauchen wir für ein echtes Ja das Gefühl auch Nein sagen zu dürfen und zu können. Das ist gar nicht so leicht, man muss quasi erst mal lernen, Nein zu sagen!

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Ja sagen führt zu mehr Lebensqualität

Ja sagen – warum ist das auch wichtig? Weil es auch ganz viel mit Lebensqualität zu tun hat, denn wenn ich nicht wirklich Ja sagen kann zu Dingen, dann bleibe ich immer auch ein Stück außen vor und erteile mir und meinen Bedürfnissen a priori eine Absage. Ein Nein sorgt immer für eine Trennung oder setzt eine Grenze. Du musst dir bewusst werden, dass Ja und Nein mehr als nur Worte sind. Beide Begriffe haben ihre eigene “Energie” und sind gleichermaßen wichtig für ein erfüllendes Leben mit gesunden sozialen Beziehungen.

Das Dilemma mit dem Ja

Wir müssen also die bewusste Entscheidung treffen: “Ich will Nein sagen lernen!” Das Dilemma ist nämlich:
Wenn ich nicht Nein sagen kann, dann kann ich auch nicht Ja sagen. Das Wort Nein gibt mir die Sicherheit meinen Raum und meine Grenzen wahren zu können. Die Nein-Phase bei Kindern ist so wichtig, weil sie durch das Nein lernen, sich selbst als eigenständig wahrzunehmen. Ich bin nicht du! Ich bin anders als du!
Spätestens, wenn wir uns selbst ausprobieren wollen oder jemanden kennenlernen möchten, müssen wir die Sicherheit haben, auch Nein sagen zu können. Das ist wirklich sehr wichtig. Denn stell dir als Beispiel vor, du hast Lust mit jemandem Kaffee trinken zu gehen. Du triffst jemanden und denkst: „Irgendwie ein netter Mensch, eigentlich würde ich die Person gerne kennenlernen.“

Lerne nein zu sagen, denn ohne Nein kein Ja

Wenn wir nicht lernen, Nein zu sagen, setzen wir uns selbst unter Druck und das Kopfkino beginnt:

  • “Aber wenn wir Kaffee trinken gehen, vielleicht denkt dann derjenige/diejenige, dass da noch mehr passieren muss… Sei es womöglich sexuell oder auch einfach nur, dass man sich nochmal treffen muss.”
  • “Was mache ich, wenn ich die Person unsympathisch finde?”
  • “Ich weiß nicht, wie ich mir sie dann vom Hals halten soll.”

Das sind alles Themen, die unser Denken beeinflussen und dazu beitragen, dass wir nicht von Herzen Ja sagen können. Gedanklich vergegenwärtigen wir uns schon ein Szenario, in dem wir Nein sagen möchten, uns aber nicht trauen. Konsequenzen können Stress, Unbehagen oder Angst sein. Wir müssen also Verantwortung für uns selbst übernehmen und lernen, Nein zu sagen!

Und das ist eben ständig und ganz häufig der Fall. Nein gibt uns einen Raum,

  1. in dem wir uns selbst fühlen und
  2. den wir deswegen dringend benötigen.

Und ist der Grund, warum jedes Ja auch ein Nein braucht.

Das Nein zu den anderen ist das Ja zu sich selbst

Deswegen sagen Kinder in der Nein-Phase so viel und ständig nur noch Nein: Wir bilden in dieser Zeit das Gefühl für uns selbst auch darüber aus, dass wir Nein sagen. „Du bist nicht ich und ich bin nicht du!“ Damit lösen sich Kinder aus der symbiotischen Verbindung zu ihren Bezugspersonen, in der das Gefühl vorherrschend war noch Teil der Mutter zu sein.
In dieser Entwicklungsphase lernen Kinder, bewusst mit den Konsequenzen des eigenen Denkens und Handelns umzugehen. Wir begreifen, was es heißt, Nein zu sagen und lernen die Verantwortung dafür zu übernehmen. Außerdem gewinnen wir dabei eine Erkenntnis, die essenziell für gesunde soziale Beziehungen ist: Nein sagen macht mich nicht automatisch zu einem schlechten Menschen und Egoisten!

Trauma bricht die Grenzen des eigenen Raumes

Für die meisten Menschen, die mit Trauma, besonders mit Entwicklungstrauma und Bindungsverletzungen, zu tun haben, durfte der der eigene Raum gar nicht entstehen. Bei Schocktraumata ist der eigene Raum gebrochen worden.
Die Angst vor den Konsequenzen eines Neins oder eines „Ich will das nicht!“ verursacht Unwohlsein und Stress. In besonders schlimmen Fällen ist der Druck so groß, dass wir uns selbst isolieren. Gesunde Beziehungen können so gar nicht entstehen, obwohl das Bedürfnis nach Nähe, einer*m Freund*in vorhanden ist.

Wenn wir nicht lernen, Nein zu sagen, kann dies also zu massivem Druck und Stress führen. Wir fürchten uns davor, unseren eigenen Raum nicht mehr halten oder “verteidigen” zu können. Oftmals geben wir diesen in engen Beziehungen sogar freiwillig auf, weil wir es nicht anders gewöhnt sind.
Oftmals haben wir verinnerlicht, dass wir für das Wohlbefinden der Anderen zuständig sind und stellen unsere eigenen Bedürfnisse hinten an. Wir trauen uns nicht Nein zu sagen, wenn Menschen Ansprüche an uns stellen und haben Angst davor mit jemandem Nähe zu leben, weil wir womöglich auch unsere physischen Grenzen nicht halten können.

Aus diesem Grund sind manche Menschen immer freundlich (Link FawnResponse) und andere oft eher unfreundlich und grantig, vor lauter Angst, dass jemand zu Nahe kommen könnte.
Nur wenn wir Nein sagen lernen, können wir in den verschiedenen Situationen im Alltag, im Job, zu Hause angemessen und sozial verträglich reagieren.

Gerade beim Entwicklungstrauma gibt es häufig den Irrglauben: „Wenn ich Nein sage, gibt es Liebesentzug! Ein Nein macht mich einsam!“ Doch das stimmt nicht! Es ist kein Problem, Freund*innen, der Familie oder Chef*in eine (in der Situation angemessene) Absage zu erteilen. Du musst nicht die Verantwortung für andere übernehmen und bist niemandem einen Gefallen schuldig! Wenn du deine Gründe hast, macht es dich nicht zu einem schlechten Menschen und Egoisten, freundlich, aber bestimmt Nein zu sagen! Das sind Dinge, die so viele von uns einfach im Kopf haben… Wir müssen lernen, Nein zu sagen! Das paraodoxe ist: Je besser wir Nein sagen können, desto offener können wir sein und desto begeisterter können wir Ja sagen.

Mehr zum Thema Trauma-Symptome findest du ebenfalls auf meinem Blog.

Ein Ja hebt keine Grenzen auf!

Wenn wir einen Hintergrund von ungesunden Bindungen, Entwicklungstrauma oder Bindungsverletzung haben, ist es oft schwer, ehrlich und von Herzen Ja zu sagen. Dieses Ja wird ganz oft und in verschiedenen Situationen damit assoziiert, dass

  • wir aufgefressen werden,
  • wir überrannt werden,
  • wir gar keine Grenze mehr haben dürfen,
  • ein Ja so absolut ist, dass wir dann zu allem Ja sagen müssen.

Welche Glaubenssätze und Vorstellungen hast du zu Ja und Nein?

Für viele ist ein Nein fast unmöglich, weil es für sie heißt: „Ich will dich nicht!“ Wir müssen lernen, Nein zu sagen — und zwar richtig. Ein Nein heißt nur „ich will das nicht“. Manchmal heißt es wirklich: ”Ich will dich nicht!“, keine Frage. Aber im Allgemeinen, im Alltag, wenn jemand sagt „Möchtest du mit mir ins Kino gehen?“ und ich Nein sage, dann heißt das, „Ich möchte nicht ins Kino gehen“ und nicht „Nein, ich finde dich doof/ Nein, weil ich dich doof finde“. Diese Verwechslung passiert, aber ganz oft. Viele Menschen neigen dazu, weil dieser Entwicklungsschritt in der Kindheit nicht gut funktioniert hat.

Ein Ja öffnet einen Raum

Ein Ja ist ein sich öffnender Raum und das macht vielen Menschen mit einem Traumahintergrund Angst. Das heißt: Bevor du wirklich voll und ganz Ja sagen kannst zum Leben, zu anderen Menschen, zu dem, was du möchtest, musst du lernen, Nein zu sagen.

Ja und Nein sagen können macht uns Selbstbewusster. Experimentiere ruhig damit! Stell dir wirklich vor – und das ist nicht einfach zu lernen – man darf ein Ja auch zurücknehmen. Man kann Ja sagen und sich nach zehn Minuten oder einer halben Stunde umentscheiden: „Jetzt reicht‘s mir!“ oder „Das war doch keine gute Idee!“. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wir dürfen ein Ja zurücknehmen! Man darf Ja sagen und kann trotzdem noch Nein sagen. Ein Ja ist keine Verpflichtung.

Eine wichtiger Impuls für dich, wenn du gerade lernst, Nein zu sagen: Nein sagen macht es manchmal vielleicht schwieriger im Umgang mit uns und meistens, wenn wir zum Beispiel Grenzen trainieren, schießen wir erstmal übers Ziel hinaus — und das ist völlig ok! Aber dann müssen wir eben das Feedback einholen und merken: „Das war so irgendwie nicht ganz in Ordnung…“ Wir lernen langsam den Umgang mit uns und anderen und moderieren auf eine Weise, die unsere Verbindung zu unseren Mitmenschen fördert.

An dieser Stelle möchte ich dir auch meinen Beitrag zum Thema Trauma und Grenzen setzen empfehlen!

Es geht darum, dein Leben zu moderieren

Es geht nicht darum ein Nein dafür zu nehmen, dass ich dann einsam und allein auf meiner Insel sitze. Vielmehr geht es darum, dass ich mein Leben moderieren kann: Ja dazu, Nein dazu, ein bisschen mehr dazu. Das ist das, was in Bezug auf die Frage “Ja oder Nein?” wirklich wichtig ist.

Hast du selbst mit einem Trauma zu kämpfen und möchtest durch Traumatherapie oder Selbsthilfe lernen, wie du dieses besser bewältigen kannst? In meinem Onlinekurs „Mit Trauma leben“ bringe ich dir Strategien und Mittel bei, die du ganz einfach anwenden kannst. Ich erkläre dir, wie du mithilfe einer optimalen Selbstregulation aus deinem Trauma ausbrichst. Melde dich gleich für den nächsten Schnupperkurs ein.

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1 Kommentar

  1. Das ist wirklich schwer mit dem Ja und Nein. Danke für diese interessante Betrachtung. Ich stehe vor einer Entscheidung, die mir wirklich schwer fällt. Versuche des Nein-Sagens wichen bisher dann eher einem Jain, weil ich mich nicht in der Lage fühle, tatsächlich ja zu sagen.

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