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PTBS oder posttraumatische Belastungsstörung: Was ist das?

von | 08.07.2017 | 0 Kommentare

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): So lautet der Name für eine verschieden ausgeprägte Reaktion auf ein traumatisches Ereignis. Zu den definierten Symptomen der Störung zählen etwa Flashbacks, Albträume, Übererregung oder Vermeidung. In diesem Beitrag möchte ich dir PTBS-Definitionen vorstellen und erläutern, dich in die Erforschungs-Geschichte der Krankheitsbilder Trauma und PTBS einführen und auch herausstellen, welche Rolle unterschiedliche Trauma-Definitionen für die Diagnose PTBS spielen. Ich möchte dir aber auch zeigen, dass nach meinem Verständnis und meiner Erfahrung, die Symptome oft viel diffuser sind und von den definierten Traumafolgestörungen und Symptomen stark abweichen. In einer Traumatherapie zeigt sich ein konturloses Bild, das wir im Rahmen der Traumatherapie mit all seinen Unschärfen annehmen und mit dem wir arbeiten.

Die Geburt der Traumaforschung (und die Rolle des PTBS)

Die heutige Traumaforschung geht auf den 1. Weltkrieg zurück. Im Gegensatz zu allen bis dahin stattgefundenen Kriegen mussten die Soldaten im 1. Weltkrieg das erste Mal in der Geschichte in Schützengräben verharren. Sie waren somit in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt; sie mussten ihren natürlichen Fluchtimpuls unterdrücken und das Kriegsgeschehen ertragen. Diese Veränderung führte zu massiven Symptomen bei den heimkehrenden Soldaten, die unter dem Begriff Schützengraben-Syndrom zusammengefasst wurden. Soldaten, die unter dieser posttraumatischen Belastungsstörung litten, wiesen oft ein unkontrolliertes Zittern auf, weshalb sie im Volksmund auch „Kriegs-Zitterer“ genannt wurden. Da sie arbeits- und kriegsunfähig waren, begann man zu überlegen, wie man diese Männer dazu bringen könnte, im Krieg länger durchzuhalten.

Dies war Geburtsstunde der Resilienzforschung, die die psychischen Widerstandsfähigkeit des Menschen untersucht.

Trotz der beginnenden Forschung blieb das Thema der posttraumatischen Belastungsstörung lange Zeit weitgehend unbeachtet. Erst seit 1994 wird es im Amerikanischen Handbuch für Diagnostik erwähnt.

Trauma Definitionen und die Bedeutung für die posttraumatische Belastungsstörung

Einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) liegt – wie der Name schon sagt – immer ein Trauma zugrunde. Vor diesem Hintergrund ist es ganz entscheidend, auch verschiedene Definitionen für Trauma zu kennen.

Es gibt inzwischen viele verschiedene Trauma-Definitionen. Im Folgenden zeigen wir die eine Auswahl, die zu den anerkanntesten zählen, die auch in den psychiatrischen Klassifikationen genannt werden. Uns ist wichtig, dass du weißt, was in den Lehrbüchern steht. Wir wollen aber auch darauf hinweisen, dass es eine Gegenkultur gibt, die den Trauma-Begriff wesentlich weiter fasst. Diese Definitionen halten wir für wesentlich richtiger und wichtiger!

  • Eine der anerkannten Definitionen für Trauma liefern Fischer und Riedesser in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie (München, 1998, S. 79.):

    „[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

  • Das aktuelle medizinische Klassifikationssystem ICD-10 (International Classification of Diseases, 10. Auflage) und die zugehörigen diagnostischen Anleitungen beschreiben Trauma als

    „[…] ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (z. B. Naturkatastrophe oder menschlich verursachtes schweres Unheil – man-made disaster – Kampfeinsatz, schwerer Unfall, Beobachtung des gewaltsamen Todes Anderer oder Opfersein von Folter, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen).“

  • Das amerikanische System DSM-IV-TR sieht die Kriterien für Trauma erfüllt, wenn die folgenden Aspekte gleichzeitig vorliegen:
    (1) Die Person erfuhr, beobachtete oder war konfrontiert mit einem oder mehreren Ereignissen, die tatsächlichen oder drohenden Tod, tatsächliche oder drohende ernsthafte Körperverletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit von einem selbst oder Anderen einschloss.
    (2) Die Reaktion der Person schloss starke Angst, Hilflosigkeit oder Grauen ein.

PTBS: Definition und Symptome

Die ICD-10 unterscheidet drei Reaktionsmuster, die als Störungen definiert werden:

  • Die akute Belastungsreaktion F43.0,
  • die posttraumatische Belastungsstörung oder PTBS F43.1 und die
  • Anpassungsstörung F43.2.

Die akute Belastungsreaktion wird hervorgerufen durch eine außergewöhnliche seelische oder körperliche Belastung. Symptome klingen in der Regel innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen ab.

Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, PTSD) wird hervorgerufen durch schwerste, katastrophale Belastungen, die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung auslösen würden. Symptome treten verzögert auf, d.h. sie können auch Wochen, Monate oder Jahre später auftreten.

Die Anpassungsstörung wiederum wird hervorgerufen durch eine psychosoziale Belastung von nicht außergewöhnlichem Ausmaß. Symptome treten innerhalb eines Monats auf.

In diesen Definitionen wird immer davon ausgegangen, es gebe ein Ursache- Wirkungsprinzip. Doch leider stellt sich in der Praxis heraus, dass die Definition und auch die Beschreibung der Folgen bei Weitem nicht so klar und einfach sind. Vielfach sind die Folgen weit diffuser als in Trauma-Handbüchern beschrieben. Denn nicht jeder Mensch, der ein traumatisches Erlebnis hatte, leidet unter den üblichen, klassifizierten Trauma-Symptomen oder einer PTBS.

Zu diesen „anerkannten“ Symptome zählen:

  • Flashbacks: Spontan auftretendes Wiedererinnern des/der traumatischen Ereignisse(s), einhergehend mit einem Gefühl, als würde es in diesem Moment geschehen.
  • Vermeidungsverhalten: Orte und Situationen, die an das Trauma erinnern, werden gemieden.
  • Erinnerungslücken: Einzelne Aspekte oder das gesamte traumatische Ereignis sind nicht erinnerbar
  • Entfremdungs-Gefühle: Betroffene haben das Gefühl, “nicht richtig da” zu sein
  • Hyperarousal: Ein erhöhtes Erregungsniveau, das sich in Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und/oder dem Gefühl, “ständig auf der Hut” zu sein, zeigt.

Trauma und PTBS jenseits der klassischen Definitionen

Im Allgemeinen wird bei jeder klassischen Definition betont, dass vor einer PTBS eine Gefahr für Leib und Leben bestanden haben muss. Meine Erfahrung aus der Praxis zeigt aber, dass Symptome auch dann entstehen können, wenn keine solche Gefahr empfunden wurde. So können Operationen und Narkosen traumatisch sein, ebenso wie Stürze, Trennungen, auch selbst gewollte Schwangerschaftsabbrüche, ärztliche Untersuchungen, zahnärztliche Behandlungen, Mobbing, Demütigungen, sogar leichte Auffahrunfälle, die Bezeugung von Gewalt oder Unfällen und viele andere Dinge, die uns im Leben begegnen.
Das Problem besteht darin, dass man nicht sagen kann, was für eine bestimmte Person traumatisch ist, weil Menschen sehr unterschiedliche Schwellen haben, ab denen Stress zum Trauma wird. Peter Levine sagt, Trauma entsteht im Nervensystem, und nicht im Ereignis. Damit bezieht er sich auf die sehr unterschiedlichen Reaktionen von Menschen auf stressige Ereignisse.

Man könnte also sagen: Ein Trauma entsteht dann, wenn ein Ereignis zu plötzlich, zu schnell und zu massiv für einen Menschen geschieht, so dass seine Bewältigungsmechanismen weit überfordert sind.

Momentan ist der Begriff Trauma in unserer Gesellschaft meist so verstanden, dass einer Person schreckliches zugestoßen sein muss, also mindestens eine Vergewaltigung oder schwere Gewalt oder Katastrophen. Dies ist jedoch definitiv falsch! In unseren Praxen sitzen immer wieder Menschen, die darüber verzweifelt sind, nicht zu wissen, warum ihr Leben so ist, wie es ist und die ihr Leiden nie damit in Verbindung bringen würden, dass sie als Baby 4 Wochen alleine im Krankenhaus bleiben mussten. Oder, dass sie eine schwere OP hatten und ein Jahr später gemerkt haben, dass sie Symptome entwickeln, für die sie keine logische Ursache finden konnten. Diese Menschen ahnen oft nicht einmal, dass sie ein Trauma verarbeiten müssen, um ihre Sorgen und Probleme angehen zu können.

Alle Traumata, die aus einem einmaligen Erlebnis resultieren, nennt man Schocktrauma – diese haben des Öfteren eine klassische PTBS oder posttraumatische Belastungsstörung als Folge. Genauso häufig – wenn nicht häufiger – sind sogenannte Entwicklungstraumata. Diese ziehen sich über eine längere Zeit und beeinflussen die gesamte Persönlichkeit, die Überzeugungen und die Art, wie wir in die Welt gehen. Viele Forscher sprechen inzwischen von einer Epidemie von frühen Traumatisierungen, die unser Bindungs- und Beziehungsverhalten beeinflussen, unsere Stressresistenz und unsere Glücksfähigkeit.

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