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Tagebuch zu Zeiten des Coronavirus

30.03.2020 | 6 Kommentare

Hallo! Ich bin Helgrit.

Ich gehöre zum Online-Team von Dami und die Entstehung dieses Textes hat sehr viel mit meinem eigenen Weg zu tun.

Unter anderem damit, dass ich gern schreibe. Vor allem, weil es mir dabei hilft, meine Gedanken zu sortieren und mich selbst zu erkennen.

Das ist mein erster Tagebuch-Eintrag, den ich mit anderen teile, mein ganz persönlicher Versuch, mich in einer veränderten Welt zu orientieren.

Das Coronavirus und meine ganz persönliche Verwirrung

Was passiert hier gerade, alles erscheint mir irgendwie surreal. Normalität auf der einen Seite und darunter liegt eine, für mich kaum greifbare Ahnung, eines Ausnahmezustandes, der unser Leben nachhaltig verändern wird. So viele verschiedene Vermutungen, Meinungen und die große Frage für mich. Wie verhalte ich mich richtig?

Während ich das hier schreibe, trinke ich einen Kaffee beim Bäcker eines Einkaufmarktes, der das tatsächlich noch anbietet. Wenn auch mit deutlich weniger Tischen als sonst und allein dieser Abstand hinterlässt in mir das Gefühl von Isolation und Misstrauen, als wäre ich jemand, vor dem man Angst haben muss.

Und tatsächlich ist meine größte Sorge in dieser Zeit, isoliert und ausgeschlossen zu werden…

Ich bin gestern erst spät abends von einer Reise in die USA zurückgekommen. Meine erste Reise dorthin und eigentlich sollte und wollte ich jetzt noch dort sein. Und darüber staunen, dass ich mich in dieses, für mich ganz große Abenteuer, gestürzt habe und mich an den neuen Eindrücken und Erlebnissen erfreuen.

Stattdessen habe ich heute Morgen mit mir gerungen zum Einkaufen zu fahren, weil meine Schränke leergeräumt sind. Wie man das eben so macht, wenn man auf eine längere Reise geht.

Ich schäme mich ein wenig, während ich meinen Korb fülle und ich fange an zu überlegen, ob ich das, was ich da einpacke, wirklich brauche.

Der Gang ist vollgestellt mit Palletten voller Toilettenpapier und ich denke darüber nach, ob es vernünftig wäre, davon etwas mitzunehmen… ich lasse es sein, davon habe ich noch genug zu Hause.

Am Backstand gibt es ein kleines Drama. Eine junge Mutter sucht für ihren Sohn eine bestimmte Brotsorte, weil er nicht alles verträgt. Und trotz der vollen Regale dort, kann ihr nicht geholfen werden. Einige Leute bleiben stehen und beraten gemeinsam, wo sie es noch versuchen könnte.

An den Kassen dann eine riesige Schlange. Es sind gar nicht so viele Kunden, nur volle Körbe und die Verkäuferinnen haben alle Hände voll zu tun.

Ich lasse eine ältere Frau vor, die nur ein paar Kleinigkeiten im Korb hat und wir kommen ins Gespräch. Ich merke, wie gut mir das tut! Sie widersetzt sich dem Verbot ihrer besorgten Kinder und will sich mit ihren Freundinnen treffen. Dafür will sie einen Kuchen backen und brauchte noch ein paar Zutaten…und auch hier trifft Normalität auf Verunsicherung und die Frage, wie verhalte ich mich richtig?

Als ich dran bin, bedanke ich mich bei der Kassiererin, die wie selbstverständlich ihre Arbeit macht und die keiner fragt, ob sie sich Sorgen macht, dass sie sich selbst bei den vielen Kunden anstecken könnte.

Eine der vielen Alltagsheldinnen in dieser verrückten Zeit.

Inzwischen habe ich meinen Kaffee ausgetrunken. Und während die meisten Leute paketweise das erbeutete Klopapier raustragen, frage ich mich, ob es eine geheime Information über die Wirkung von Toilettenpapier gibt und ob die Menschen, die noch ganz normal arbeiten gehen, heute Nachmittag wohl noch etwas von dem „Wundermittel“ abbekommen.

Ich hole mir stattdessen ein paar von den nicht beachteten Frühlingsblumen. Einen Strauß für meine Freundin, die ich nachher noch sehen werde und für mich auch einen. Als Symbol für Lebensfreude und Verbundenheit, die mir persönlich gerade in dieser Zeit so wichtig ist.

Nachtrag

Inzwischen sind fast zwei Wochen ins Land gegangen. Einen Kaffee bekomme ich bei meinem Bäcker noch, darf ihn dort aber nicht mehr trinken. Dafür gibt es Markierungen für den Sicherheitsabstand und die Kassiererinnen sitzen hinter Absperrungen aus Plastikfolie. Ich hoffe für sie, dass es nicht nur ein gefühlter Schutz ist.

Und auch bei mir gibt es neue Eindrücke, Erlebnisse und die immer größer werdende Frage, ob es reicht, uns um unsere körperliche Gesundheit zu kümmern.

Was passiert hinter den verschlossenen Türen in dieser Zeit der Isolation, von der noch keiner weiß, wie lange sie dauern wird?

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6 Kommentare

  1. Barbara

    DANKE!

    Antworten
  2. Marie F.

    Dankeschön Helgrit!

    Tat grade gut zu lesen.
    Hatte mich heute beim Einkaufen ganz komisch gefühlt.

    Antworten
  3. Manuela

    Schöne Worte!
    „Ob ich das, was ich da einpacke, wirklich brauche.“
    Die Ängste annehmen, in uns hineinhören, fühlen und uns fragen, was brauche ich wirklich. Einfach mal durchatmen. Ein Strauß Blumen habe ich mir auch gekauft.

    Vielen Dank für diesen Beitrag.

    Antworten
  4. Claudia

    Gut geschriebenen, deckt sich mit meinen eindrücken. Gerne mehr. Verbundenheit hilft.

    Antworten
  5. Nicole Stampp

    Liebe Helgrit,
    DANKE, dass Du deine Gedanken mit uns geteilt hast!
    Ich beobachte einerseits die Aggressionen/Unsicherheiten beim Einkaufen und dies beunruhigt mich, andererseits erfreue ich mich über jeden freundlichen Austausch mit den Verkäuferinnen, denn DAS gibt mir ein Stück weit das Gefühl von Normalität in dieser merkwürdigen Zeit! Denn dies gibt mir das Gefühl gemeinsam besser durch die Zeit zu kommen und mit SO wenig anderen Menschen helfen zu können, die von ähnlichen Sorgen geplagt sind und auf Wertschätzung für ihre Arbeit hoffen, geht es nicht allen so!? Keiner möchte isoliert sein, wir brauchen den Kontakt zueinander, mehr denn je!!
    Ich hoffe sehr, Du kannst immer mal wieder in die Welt der schönen Erinnerungen und Erlebnisse eurer Reise abtauchen und daraus neue Kraft ziehen, auch wenn Du traurig darüber bist sie nicht beenden zu können.
    Und auch wenn ich den Kontakt zu euch, aus der Überzeugung heraus, ich schaffe es alleine ohne euch weiter auf der „Tasche zu liegen“, abgebrochen habe, möchte ich dir sagen: Du bist nicht alleine!!! Und ich habe mich geirrt. 🙂
    Liebe Grüße Nicole

    Antworten
  6. Andrea Pirstinger

    Danke Helgrit,
    ja auch ich mache mir Gedanken – und Sorgen.

    Als ich am Donnerstag vergangener Woche zum dringenden Einkauf mußte,
    mußte ich feststellen, daß sich viele in den Geschäften nicht an die Abstandsregeln halten; vor allem an den Kassen nicht. Mein Lebensgefährte und ich gehören zur sog. Risikogruppe und ich bin auch noch von KPTBS betrofffen.

    Aber trotzdem habe ich statt Toilettenpapier einen Strauß Tulpen gekauft!

    Liebe Grüße aus Schweden
    Andra

    Antworten

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