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Trauma und Autonomie – Warum uns zu viel Autonomie schadet

von | 11.07.2017 | 8 Kommentare

​Das Bedürfnis nach Autonomie

​Traumatische Ereignisse hinterlassen neben anderen Spuren oft die innere Angst, dass Dinge unkontrollierbar werden. Dazu kommt oft noch die Angst, wieder verletzt zu werden. Aus dieser inneren Haltung kann das Bedürfnis erwachsen, möglichst viel Autonomie zu entwickeln, um nicht auf andere Menschen angewiesen zu sein. Das Problem dabei ist, je mehr wir kontrollieren wollen, desto mehr und häufiger erleben wir Ohnmacht.

Autonomie und scheinbare Autonomie

​Es müssen nicht immer schwere traumatische Ereignisse zu diesem Bedürfnis nach hoher Autonomie führen, es können auch viele kleine Ereignisse sein oder einfach das Gefühl, dass da sowieso niemand ist oder man gedemütigt wird, wenn man nach Hilfe und Unterstützung fragt. Kinder reagieren auf diesen Schmerz, indem sie anfangen, ihre Bedürftigkeit und ihre Bedürfnisse zu unterdrücken bzw., diese nicht mehr wahrzunehmen.

Diese Art von Autonomie ist jedoch eine Art Scheinautonomie. Denn sie beruht nicht auf Selbstwert, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit, sondern auf dem Gefühl des Ausgeliefertseins und der Verletzlichkeit.

Autonomie…

​Wir entscheiden meist unbewusst in einem bestimmten Alter, ob wir für die Beziehung gehen oder für unsere Würde. Menschen, die sich für die Würde und damit für die Autonomie entschieden haben, weil sie der Beziehung (zu ihren Eltern) nicht mehr trauen können, versuchen alles selber zu machen und möglichst nicht um Hilfe zu bitten. Sie ziehen sich zurück, wenn sie Stress haben, um sich alleine wieder regulieren zu können – das nennt man Autoregulation.

…oder Beziehung?

​​Andere Kinder entscheiden sich wiederum dafür, aus der Beziehung so viel wie möglich zu bekommen und dafür einen Teil von sich selbst zu opfern. Diese Menschen sind oft in ihrem Erwachsenenalter sogenannte Interregulierer. Wenn sie Stress haben, ziehen sie sich nicht zurück, sondern brauchen jemanden, nicht etwas, der ihnen hilft, sich wieder zu regulieren, z.B. durch gehalten werden und weinen dürfen.

Das sind die Pole zwischen beziehungsorientiert und autonomieorientiert. Irgendwo in dieser Spanne bewegst Du Dich vermutlich auch. Vielleicht sogar in der glücklichen Mitte, denn gesunde Autonomie zeichnet sich dadurch aus, dass man selbstständig sein kann und um Hilfe bitten kann, wenn man diese möchte oder braucht.

​​Das Problem mit der Autonomie

​​Wenn wir dann als Erwachsene zu autonom sind, wirken wir oft sehr unnahbar auf andere. Gleichzeitig fühlen wir uns oft sehr alleine, weil wir uns intern nie öffnen. Wir assoziieren Öffnung mit Verletzlichkeit und letztendlich mit Angst.

Paradox: Wir brauchen andere Menschen

​​Paradoxerweise ist der nach Autonomie strebende Teil in uns, der eigentlich hilflos und bedürftig ist, schwer ohne Hilfe zu integrieren. Menschen sind jedoch Gemeinschaftstiere. Wir wollen Teil von etwas sein. Wir wollen eine Sinnhaftigkeit unserer Existenz erleben. Wir wollen unseren Wert fühlen. Deswegen trau Dich einfach immer mal wieder, mutig zu sein und um Hilfe zu bitten.

Oder wenn Du vom ganz anderen Pol kommst, trau Dich mal zu sagen, ,,ich möchte gern mal den Abend allein mit mir verbringen und es tut mir leid, wenn Du dann enttäuscht bist.“

Ich hoffe, dieser Beitrag war anregend für Dich und Du kannst etwas daraus mitnehmen.

Liebe Grüße
Dami

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8 Kommentare

  1. Anja

    Liebe Dami, ich erfahre eine Zeitenwende, dadurch, dass du in Worte fasst und mir Erklärungen gibst, für das, was ich erlebe, mein Dank ist jenseits von Worten!

    Eine Sache möchte ich ansprechen:
    Ich komme vom alleräußersten Ende der Autonomieskala. Ich habe vor Jahren erkannt, dass es ohne Hilfe von Außen wirklich nicht mehr geht und suche seitdem nach Hilfe. In deinem Beitrag klingt das so einfach. Als wäre es die größte Hürde, sich einzugestehen, das man Hilfe braucht und dann über seinen Schatten zu springen und sie zu holen.
    Die viel größere Hürde habe ich darin erfahren, tatsächlich Hilfe zu bekommen. An dem Schritt bin ich um ein Haar zerschellt.
    Und anhand deiner Erklärung verstehe ich jetzt wenigstens, was immer und immer wieder passiert ist:
    Ich suche therapeutische Hilfe. Aus Gründen, die mir völlig schleierhaft sind, steckt mich der Therapeut sofort in die andere Ecke, zu den Interregulierern und da komme ich dann nicht mehr raus. Ich höre Sätze, wie „Alles was Sie brauchen, tragen Sie in sich selbst.” „Nur Sie selbst können ihre Probleme lösen.” oder „Kommen Sie aus ihrer Opferhaltung raus.” Wenn ich das höre, ist bei mir der Ofen aus. Diese Entgegnungen verletzen mich tief. Und ich mache dicht, das ist dann gelaufen.

    Ich würde gerne wissen, ob das eine häufige Erfahrung ist, die andere Betroffene auch machen und wie man damit gut umgehen kann?

    Antworten
    • Dami

      Liebe Anja, tatsächlich höre ich diese Erfahrung sehr häufig von Betroffenen. Egal ob von niedergelassenen Therapeuten oder von Kliniken. Dieses Konzept der Autonomie ist tief in der Gesellschaft verwurzelt und macht uns alle krank. Kein Mensch kann alleine aus sich heraus glücklich leben oder gar heilen. Das ist inzwischen bewiesen, erwiesen und Menschen haben nie so gelebt. Es macht mich wütend und betroffen, weil es so schädlich ist.
      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten
      • Susanne

        Liebe Dami,
        auch ich komme aus der extremen Autonomie, auch so gut versteckt dass selbst ich jetzt ewig gebraucht habe es zu merken.
        Mir geht es wie in dem obigen Bericht. Ich suche Hilfe investiere und es sind oft die falschen Adressen zu denen es mich gezogen hat. Vielleicht wegen der schnellen Lösung, die ich mir erhofft habe.

        Welchen Einstieg in Form von Kurs oder sonstigen Schritten befürwortest du.
        Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben den Ausstieg zu schaffen, jedoch die roten Fäden (Ablehnung zu erfahren) machen es nicht einfach.

        Lieben Dank
        Susanne

        Antworten
        • Dami

          Liebe Susanne, jetzt habe ich aus Versehen hier auf den falschen Knopf gedrückt, will dir aber trotzdem antworten. Ich denke, wenn du aus extremen kommst, dann ist eine gute therapeutische Begleitung einfach sinnvoll. Und es ist einfach ein Prozess, der dauert. Veränderungen gehen nicht schnell. Ein Kurs kann gut sein, aber du machst ihn ja dann doch auch alleine… also autonom… Um Hilfe bitten und suchen ist auf jeden Fall sinnvoll. Herzliche Grüße, Dami

          Antworten
  2. Michaela

    Liebe Dami!

    Ich habe mich eindeutig für den Weg „allein klarkommen“ entschieden. Meine Würde aufzugeben, das würde sich für mich anfühlen wie sterben.
    Ich muss Anja leider zustimmen. Die von ihr genannten Sätze nehmen einem sofort jeglichen Wind aus den Segeln. Ich höre oft „Sie wollen ja gar nicht gesund werden/keine Hilfe…“ „Sie wirken gar nicht unsicher/depressiv/traumatisiert“. Ich habe das Gefühl, dass hauptsächlich denjenigen Hilfe zugestanden wird, die sehr bedürftig wirken. Die Menschen, die hart geworden sind, weil sie allein klarkommen mussten oder sich entschieden haben, destruktive Beziehungen zu kappen, scheinen sogar so etwas wie Aggression in der Umgebung auszulösen. Es scheint mir wirklich nicht so einfach für Menschen mit einem schwierigen Bindungstrauma einen geeigneten Therapeuten zu finden. Derjenige muss für mich komplett auf Augenhöhe arbeiten. Jeder gescheiterte Versuch ist für mich wie eine Reinszenierung des Bindungstrauma. Liegt das an der Gegenübertragung?

    LG Michaela

    Antworten
    • Dami

      Liebe Michaela, das ist schwierig zu beantworten, ohne dich zu kennen.
      Möchte man mit jemandem arbeiten, dann muss man auch Fehler zulassen können, denn die gehören zu jeder Art von Beziehung dazu.
      Oftmals können Menschen, die so starkt gelernt haben alleine klar zu kommen, sehr streng sein mit ihrer Umgebung und ziehen bei
      gefühlem „Fehlverhalten“ oft schnell die Reisleine.
      Natürlich hat ein Therapeut auch die Aufgabe dich zu sehen und zu erkennen, was mit dir los ist. Therapeuten können auf Augenhöhe arbeiten und nicht.
      Ich würde mich als recht nahbare Therapeutin bezeichnen, aber trotzdem gibt es eine „Schieflage“, denn du bist in Therapie, weil du etwas alleine nicht hinbekommst
      und Unterstützung suchst. Das ist dann irgendwie doch keine völlige Augenhöhe…
      Es ist schwierig und hier nicht zu beantworten. Ich kann dir nur ein paar meiner Gedanken mitteilen, aber wie gesagt, ohne dich zu kennen, sind es eben nur Überlegungen.
      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten
      • Michaela

        Liebe Dami,

        vielen Dank für deine Antwort. Ja, ich denke du hast Recht. Es kann nie komplett auf Augenhöhe sein, weil man natürlich jemanden sucht, der einen anleitet, einem Halt und Trost gibt etc. Ich weiß aus meiner eigenen beruflichen Praxis wie schwer es ist, da die Balance zu halten und nicht übergriffig und dominant zu werden.
        Und auch mit dem streng sein hast du Recht. Ich bin tatsächlich sehr, sehr streng mit Menschen, kann kaum menschliche Fehler verzeihen. Aber die gehören dazu. Keiner ist perfekt. Es ist jedoch wirklich schwer so einen jahrzehntelang gewachsenen Panzer, der einem ja irgendwie geholfen hat, emotional zu überleben wieder abzulegen oder zumindest aufzubrechen und sehr schmerzhaft. Aber ich werde auf jeden Fall weiter dran arbeiten.

        Liebe Grüße
        Michaela

        Antworten
      • Daniel

        Hallo,

        ich denke das Thema Fehlertoleranz ist ein sehr komplexes Thema. Das dumme ist, sind Fehler passiert, ist es eigentlich schon zu spaet.

        Es gibt einige Dinge, die ich beispielsweise fuer wenig bis gar nicht tolerabel halte. So z.B. in einer akuten Krise durch eine massive narzistische Kraenkung und fehlende Empathie seitens des Therapeuten getriggert zu werden, so dass man ein Trauma neu durchlebt und womoeglich sogar Flashbacks hat und dann durch die Kraenkung auch noch suizidal wird.

        Als Klient weiss man ja a priori auch nicht, ob so ein Vorgehen normal ist und laesst es so im Zweifel zu. Mir persoenlich hilft da beispielweise nur, mir selbst darueber bewusst zu werden, wo meine persoenliche Grenzen sind. Das hat dann zur Folge, dass ich eine gewisse Bandbreite von Fehlern ohne weiteres zuzulasse. Insbesondere wenn auch transparent und verstaendlich ist, dass es sich um einen Fehler handelt.

        Dann gibt es aber auch Dinge, bei denen ich klar sage, dass ich diese zu meinem eigenen Schutz nicht akzeptiere, da hier Grenzen ueberschritten werden.

        Natuerlich ist es vermutlich hilfreich so etwas auch vorab durchzusprechen. Keiner weiss wie der andere so tickt und wo dessen Schmerzgrenze erreicht ist. Dazu gehoert dann auch einiges an Erfahrung.

        Gruss
        Daniel

        Antworten

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