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Trauma und Bindung, Teil 2

06.07.2017 | 4 Kommentare

​Trauma und Bindung – Wie ein Mangel an Bindung zu Entwicklungstrauma führt

​Sprechen Menschen über Trauma, so meinen sie meist Schocktrauma. Dies sind einmalige, überwältigende Erlebnisse. In diesem Artikel und Video behandele ich, wie Trauma und Bindung zusammen hängen können.

Viel häufiger, und meiner Meinung nach epidemisch, sind Entwicklungstraumata. Diese entstehen über einen längeren Zeitraum und sind „schleichender“. Es ist ein langfristiger Mangel an Sicherheit, Bindung und liebevoller Zuwendung oder ein langfristiges Zuviel an Stress für das Kind. So kommt es, dass Trauma und Bindung eng zusammen gehören können.

​Den Zusammenhang von Trauma und Bindung sehen wir beim alleine lassen von Babys, durch Krankenhausaufenthalte – die zwar wichtig sein mögen – aber dennoch furchtbar für das Kind sind. Entwicklungstrauma entsteht auch durch einen Mangel an Spiegelung und Spiel mit dem Kind. Die Ursachen sind vielseitig.

Die Wirkung von Trauma und einem Mangel an Bindung, zeigt sich im späteren Leben oft in einem Mangel an Freude, wenig Stressresistenz und Schwierigkeiten in Liebesbeziehungen.

In diesem Video erzähle ich mehr:

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​Transkript

Eine sichere Bindung erfüllt alle Voraussetzungen für uns, um uns gut zu entwickeln und später im Leben glücklich zu sein. Viele Menschen merken aber in ihren späteren Beziehen, dass es an verschiedenen Stellen hakt. Die häufigsten Probleme sind das Vermeiden von Nähe, zu wenig Grenzen zu haben, Stress mit Sexualität und eine ständige Ambivalenz zwischen „Komm her“ und „Geh weg“ auszustrahlen. Dadurch wird auch der Partner oder die Partnerin in Unsicherheit gehalten. Etwa darüber, wann man nun ansprechbar ist und wann nicht.​

​Trauma und Bindung: Wie ein Mangel an sicherer Bindung zu Entwicklungstrauma führt

Hier erkläre ich, wie Trauma und Bindung sich in den Bindungsstilen wiederfindet. Auch wenn die verschiedenen Typen des Verhaltens in Beziehungen keine festen Schubladen sind, so lassen sich doch Tendenzen feststellen, die wir als die folgenden Bindungsmuster darstellen können:
die unsicher vermeidende Bindung, die unsicher ambivalente Bindung, die desorganisierte Bindung und sehr selten, die reaktive Bindung.
Die desorganisierte Bindung steht Traumata am nächsten.

Ich möchte kurz darauf eingehen, wie diese Bindungsstile herausgefunden wurden. Als Urvater bzw. Urmutter der Bindungstheorie gelten John Bowlby und Mary Ainsworth. Danach gibt es ganz viele, die deren Spuren gefolgt sind. Es wurde eine Situation entwickelt, wo man an Kleinkindern sieht, wie sie sich ihren Müttern gegenüber verhalten, vor allem wenn die Mütter weggehen und wiederkommen. Der wichtige Punkt ist interessanterweise nicht, wie die Kinder reagieren, wenn die Mutter weggeht, sondern wie sie reagieren, wenn sie wieder kommt. Daran kann man erkennen, ob das Kind sicher gebunden, ambivalent gebunden, vermeidend gebunden oder desorganisiert gebunden ist.

Im Video zeige ich ein paar Auszüge dazu. Man kann dabei gut das Verhalten der verschiedenen Kinder beobachten, wenn die Mütter, nachdem sie den Raum verlassen haben, wieder zu ihnen zurück kommen. Manche Kinder beruhigen sich sehr schnell, hören auf zu weinen und beginnen wieder, ihr Umfeld zu erkunden und zu spielen. Bei anderen hört aber die Frustration nicht auf und sie wenden sich von ihrer Mutter ab. Das deutet darauf hin, dass die Mütter im Alltag nicht immer erreichbar für das Kind sind, es nicht immer zu trösten bereit sind. Im Fall des desorganisierten Bindungsstils geht das noch weiter. Da ist es tatsächlich so, dass die Mutter zurück in den Raum kommt, das Kind zunächst auf sie zuläuft und praktisch in der Bewegung entweder erstarrt, sich auf den Boden wirft oder anfängt im Kreis zu laufen. Hier werden zwei gegensätzliche Gefühle in dem Kind ausgelöst: Einerseits will es unbedingt wieder zur Mutter, um Sicherheit zu finden, andererseits hat es aber gelernt, dass dieselbe Person oftmals gefährlich ist, bzw. als bedrohlich erlebt wird. Das führt in dem Kind zu den paradoxen Impulsen „Suche Schutz bei dieser Person“ und „Flieh vor dieser Person“. Das ist der schwierigste Bindungsstil, weil er gravierende Konsequenzen für den Menschen hat, besonders für seine späteren Beziehungen.

​Trauma und Bindung: Der beste Schutz vor Entwicklungstrauma ist eine sichere Bindung

Wir neigen dazu, vor allem in Stresssituationen, unsere Beziehungspartner sich so fühlen zu lassen, wie wir uns früher als Kinder in solchen Situationen gefühlt haben. Auch wenn Freunde denken, dass unser Verhalten völlig normal ist, wissen das unsere Beziehungspartner dadurch besser. Denn in Beziehungen kommen tatsächlich alle Muster zum Vorschein, die wir aus der Kindheit mitbringen. Da kommt man überhaupt nicht drum herum. Wenn du dir nicht sicher bist, wie deine frühe Kindheit war, wie deine Bindung zur Bezugsperson war, dann kannst du einfach deinen Beziehungspartner, bzw. Partnerin, fragen, wie er oder sie sich fühlt, wenn ihr miteinander Stress habt. Und dann kannst du relativ sicher sein, dass das genau das Gefühl ist, was du als Kind hattest.

Beziehungsmuster gehören leider zu den festesten Mustern, die wir haben. Sie sind die Blaupause für das, wie wir im Leben mit anderen Menschen umgehen. Viele unsere Glaubenssätze darüber, ob man anderen Menschen trauen kann oder nicht, ob man um Hilfe bitten kann oder ob man das lieber sein lassen sollte, werden also schon im frühen Kindesalter geprägt.

Veränderung von Bindungsmustern

Obwohl sie sehr fest sitzen, lassen sich solche Bindungsmuster auch ändern. Man kann daran arbeiten. Außerdem handelt es sich auch dabei nur um einen Aspekt unserer Persönlichkeit. Wir sind viel mehr, als nur diese „Macken“ von uns. Um sich von diesen zu lösen, ist es aber wichtig, sie sich bewusst zu machen. Und dann sollten wir Glaubenssätze, wie z.B., dass uns sowieso alle schlecht behandeln wollen, aufgeben, da wir uns sonst oft so verhalten, dass den anderen gar nichts anderes übrig bleibt, als uns schlecht zu behandeln. Wir müssen den Fällen, in denen wir gut behandelt werden, auch mehr Beachtung schenken und unseren Blick nicht zu einseitig werden lassen.

Wir müssen die Anderen in unserer Nähe spüren. Dafür ist es wichtig, im Hier-und-Jetzt zu leben und seine Umgebung wirklich wahrzunehmen. Die Nähe zu Anderen ist anfangs oft schmerzhaft, da wir dadurch an Stresssituationen in problematischen Beziehungen erinnert werden. Deshalb ist es wichtig, daran zu arbeiten. Das geht nicht schnell und auch nicht leicht. Aber es ist möglich zu lernen, sich selbst, auch mit ddn eigenen Macken, zu lieben oder zumindest zu akzeptieren. Und der Zauber dieser Akzeptanz ist, dass sich plötzlich die Muster entspannen und eine Wahlmöglichkeit entsteht, wie man auf die Reize, die von außen kommen, reagieren kann.

Wenn es eine Zutat gibt, die ich jedem empfehlen würde, der oder die sich auf diesen, doch auch steinigen Weg begibt, dann ist es Humor. Lerne über dich selbst zu lachen. Wenn man nicht über sich selbst lachen kann, dann hat man schlechte Karten. Manchmal muss man auch über sich selbst weinen, das ist ebenfalls sehr wichtig. Es kann nichts Neues anfangen, wenn wir uns nicht erlauben, auch mal traurig zu sein.

Das soll aber nicht zu einem „inneren Drama“ werden. Nein, verabschiede dich vom Drama. Die Achterbahnfahrten mit deinen Gefühlen stehen dir im Weg. Zwar erscheint ohne sie das Leben zuerst vielleicht etwas langweilig, aber auf Dauer kannst du es so mit mehr Tiefe füllen. Entwickle z.B. einen inneren Beobachter und zwar einen freundlichen Beobachter, der nicht bloß auf dir herum hackt. Lerne, deiner eigenen Geschichte einen Sinn zu geben. Wenn du deine eigene Geschichte erzählst, dann sollte sie für andere nachvollziehbar sein. Erst wenn so ein kohärentes Bild entsteht, kannst auch du dich selbst verstehen. Das ist wichtig für die Veränderung deines Bindungsmusters.

Identifiziere dich außerdem nicht mit deinen Gefühlen. Gefühle kommen und gehen, gehe dabei nicht immer voll mit. Nimm sie gelassen wahr und vermeide dann das Drama, indem du mehr auf deinen Körper achtest: Atme ruhig und tief, spüre deinen ganzen Körper, die Umgebung und andere Menschen um dich herum. Dein Körper ist das, was immer bleibt. Er begleitet dich dein ganzes Leben lang. Hast du das ein bisschen gelernt, also wirklich in deinem Körper zu sein, so werden die Gefühle durch den Körper sozusagen geerdet und es kann nicht mehr so dramatisch werden. Stell dir vor, du bleibst am Rand des Gefühls und wirst nicht eintauchen, lässt dich nicht von dem Gefühlsstrudel hinunter saugen.

Ganz wichtig, bei all deinen Versuchen: Verzeih dir, wann immer etwas nicht klappt! Verzeih dir, wenn du wieder in ein Loch fällst, verzeih dir, was dir alles passiert ist, verzeih deinem Körper. Lerne wirklich nett zu dir zu sein, so nett und so freundlich wie du zu deinen besten Freunden bist!

Demnächst startet wieder mein Onlinekurs „Mit Trauma leben“, in dem du viele Übungen für den Alltag bekommst. Du kannst dich hier für den kostenlosen Schnupperkurs dazu eintragen:
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4 Kommentare

  1. Tina Meier

    Es tut so gut dir liebe Dami zu folgen! Danke für die ausführlichen Gedanken und Themen welche mich zutiefst betreffen.
    Du bist mir in meiner Arbeit ein Vorbild und Verstärker eigener geübter und aus der Biografie entwickelten Verhalten, aber oft nicht ganz ernstgenommener guter Eigenschaften. Diese machen aber viel an Echtheit aus und meinem Gegenüber hilft es ebenso echt zu sein. So liebe ich es auch mit Klienten zu lachen, auch und vor allem gern über mich. Das öffnet dicke Türen und nimmt eine Schwere raus.
    Es ist toll dich in deiner Kohärenz wahrzunehmen!
    Was ich üben muss und möchte, ist sprechen! Es gibt eine Diskrepanz zwischen innerem Dialog und der Fähigkeit es sprachlich zu verwirklichen. Meine Baustelle. Danke für deine tiefenentspannten Ermutigungen bei sich zu bleiben und Gefühlen als solchen eben auch den angemessenen Raum zu geben und sie nicht zum Selbst werden zu lassen. Das hilft auch in der Sprache. Ich weiß, zu viel Text!!!! Vielen Dank dass es dich gibt! Tina

    Antworten
  2. Jenny Boysen

    Ich fand den Gedanken, dass der Beziehungspartner sich in Stresssituationen genauso fühlt wie man selbst sich fühlte zunächst interessant. Wenn man jetzt eine eher dominante Natur hat, macht das Sinn. Also dass der Beziehungspartner z.B. genauso mit Vorwürfen überhäuft wird, wie man selbst früher. Aber immer scheint das nicht so sein zu können. Was ist mit den Leuten, die z.B. bei Stteitsituationen sofort zu machen und nichts mehr sagen, WEIL sie durch verbale Attacken in der Kindheit dies als Schutzmechanismus entwickelt haben? Oder andere die sofort anfangen zu weinen und andere passive Reaktionen auf Streit zeigen? Sie spiegeln dann ja nicht den Elternteil, der sie „aktiv schlecht behandelt“ hat. Oder sehe ich das falsch?

    Antworten
    • Dami

      Liebe Jenny, was denkst du, wie Partner sich fühlen, wenn man dicht macht? Sie stehen vor einer Mauer der Unerreichbarkeit. Auch dies ist ein Gefühl, das Kinder haben können. Manche Kinder hatten Mütter, die immer geweint haben und man sich dann als Kind furchtbar und schuldig gefühlt hat. Auch dieses Gefühl haben BeziehungspartnerInnen häufig, wenn ihre Partner anfangen zu weinen und sich selbst zu bezichtigen…
      Ich hoffe, das macht es für dich verständlicher.
      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten
  3. Judith Fuchs

    Liebe Dami,
    Irgendwie werden durch dich viele Dinge für mich endlich „begreifbar“.
    Danke!
    Judith

    Antworten

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