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Trauma und Drama

06.10.2017 | 11 Kommentare

Wie das Gehirn durch Trauma süchtig wird

Traumatisierungen führen zu einem ständigen auf- und ab im Lebensgefühl. Der Alltag wird zu einem emotionalen Chaos. Überhaupt scheinen es ständig zu viel oder zu wenig Emotionen zu sein. Leider führt diese Dysregulation oft zu sehr viel Unruhe im Leben, vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dies hat nichts mit eigener „Unfähigkeit“ zu tun, sondern damit, dass Emotionen einerseits sehr schwer zu regulieren sind und uns schnell aus dem Toleranzfenster bringen können (Wenn du etwas über das Toleranzfenster erfahren möchtest, lies hier: Was ist ein Trauma?). Andererseits kann es aber auch eine damit verbundene „Sucht“ nach großen Gefühlen geben.

Man geht heute davon aus, dass Menschen, die in jungen Jahren sehr viel Stress ausgesetzt waren, sich an die Endorphinausschüttung gewöhnen, die immer mit der Adrenalinausschüttung einhergeht. Das Gehirn wird quasi süchtig und verlangt nach der Droge Endorphin.

Hinzu kommt, dass man sich schnell damit identifizieren kann, dass man eben ein besonders emotionaler oder leidenschaftlicher Mensch ist. Wir gehen dann davon aus, dass dies ein Charakterzug ist, mit dem andere zurecht kommen müssen.

Dramatische Inszenierungen können so Teil des Alltags werden, vergiften aber oftmals gerade nahe Beziehungen.

Drama sind unregulierte Emotionen

Was haben Dramatik und Trauma miteinander zu tun? Um das zu verstehen, muss man sich damit beschäftigen, was traumatische Erlebnisse in uns auslösen. Zunächst hinterlassen sie große Schwierigkeiten Emotionen zu regulieren. Das bedeutet wir verlieren unsere Fähigkeit zur Selbstregulation. Das ist leider eine generelle Folge von Traumatisierungen und der Knackpunkt, an dem ich mit meiner Arbeit ansetze.

Emotionen können zerstörerisch sein

Ein Aspekt davon ist, Emotionen zu regulieren, und zwar so, dass sie für mich noch angenehm und auch situationsangepasst sind. Vielleicht magst Du sagen, Du willst nicht immer angepasst sein, aber darum geht es mir nicht. Es geht nicht um eine gesellschaftliche Anpassung, sondern darum, dass ich Freunde behalten kann, dass ich eine Beziehung so führen kann, dass sie allen Beteiligten Freude macht. Dafür muss ich Emotionen regulieren können. Auch gegenüber Kindern willst Du nicht aus der Haut fahren und unangemessen reagieren, womöglich in Form von verbaler oder körperlicher Gewalt.

In all diesen Bereichen ist es wichtig zu lernen unsere Emotionen sinnvoll und situationsangepasst zu regulieren. Das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Was wir dafür brauchen, ist viel Selbstbeobachtung und Übung, ganz viel Übung.

Drama ist nicht zu verwechseln mit Lebendigkeit

Interessanterweise empfinden viele Menschen, die zu einer emotionalen Dramatik neigen, diese als Motor für ein spannendes Leben. Sich davon abzuwenden, wäre ja stinklangweilig. So gibt es praktisch eine Dramasucht.

Es handelt sich tatsächlich um eine Sucht! Denn jedes Mal, wenn bei uns starke Gefühle ausbrechen, schüttet unser Körper sowohl Adrenalin als auch Endorphine aus. Endorphine sind so stark wie Heroin. Es sind körpereigene Morphine, die eigentlich dafür da sind, dass wir in einer Gefahrensituation, wenn wir angegriffen werden, keine Schmerzen mehr haben. Dasselbe passiert bei Unfällen: So kommt es, dass Menschen selbst schwer verletzt noch um Hilfe rufen können, weil sie den Schmerz nicht fühlen können.

Das Gehirn wird süchtig

Dies betrifft auch Kinder, die in hochstressigen Haushalten aufwachsen. Sie werden förmlich immer wieder mit Adrenalin und Endorphinen überflutet, wenn es Zuhause Stress gibt. Heute weiß man, dass das Gehirn nach diesem Kick süchtig wird. Dementsprechend suchen wir, auch wenn wir älter sind, stressige Situationen oder kreieren ein Drama, weil unser Gehirn nach dem Endorphin-Kick strebt.

Selbst Therapien können süchtig machen

Diesen Kick können wir uns auf verschiedene Arten und Weisen holen. Manche machen Sport bis zum Umfallen, andere streiten in Beziehungen. Auf jeden Fall scheinen wir in Alltagssituationen immer wieder diesen Kick zu provozieren. Das funktioniert auch mit kathartischen Therapien, wo man ausagiert und Kissen vermöbelt oder solchen, die tief ins Dramatische gehen. Auch davon kann man süchtig werden, weil der Körper immer wieder Endorphine ausschüttet.

Beziehungen sind oft ein Ort der Dramatik

Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass ich ein wenig abhängig bin von dem Drama. Das bedeutet, dass ich mein Leben ohne Dramatik schnell als langweilig empfinde und deswegen Dramen inszeniere. Beziehungen sind natürlich ideal dafür, weil sie sowieso ganz viel antriggern, wie unsere Geschichte und unsere Bindungsmuster. Deswegen kommt diese Endorphinsucht dort häufig ganz besonders zur Geltung.

Jede Sucht ist schwer zu lösen

Wichtig ist, dass Du weißt, dass es diesen Mechanismus gibt. Bitte glaube deswegen nicht, dass Du merkwürdig bist, sondern akzeptiere diesen Mechanismus in deinem Körper. Er aktiviert sich immer wieder von selbst, weil Du es durch traumatischen Erfahrungen so gespeichert hast.

Da herauszukommen ist tatsächlich wie bei jeder Sucht eine Entwöhnung. Beobachte dich zunächst und versuche dann mit viel Geduld hier und da deiner Dramatik bewusst zu werden. Beruhige dich innerlich und stelle fest, dass Du dich nach und nach besser regulieren kannst.

Über diese Zusammenhänge ist das heutige Video:

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11 Kommentare

  1. Katya Krombach

    Hallo Dami, Danke für dies tolle Video. Ich arbeite mit Eltern und Babys. Und spreche in meinen Kursen immer wieder mit den Eltern, welche Auswirkungen emotionaler Stress und emotionale Verunsicherung im Babyalter auf den späteren Erwachsenen haben können.
    Ich selbst habe mich über die Themen Co-Abhängigkeit und Beziehungssucht mit diesen emotionalen und körperlichen Suchtzusammenhängen befasst. Es gibt dieses Phänomen ‚Trockenrausch‘ und es kann genau solche gravierenden Suchtmechanismen und familiären Suchtsysteme erzeugen wie Substanz gebundene Süchte dies vermögen. Die Themen ‚emotionale Abhängigkeit‘ und nicht-Substanz gebundene Süchte bedürfen noch der gesellschaftlichen Aufklärung und tieferen Erkenntnisse. Diese Themen sind so vielschichtig, wie die (Beziehungs)Muster, die sie bewirken können …. ein spannendes Feld! Danke für deine Beiträge . Liebe Grüße Katya

    Antworten
  2. Julia

    Hallo Dami,
    kann sein, dass eine Beziehung zerbricht, wenn das dramatische nicht mehr so im Vordergrund steht und eine Person da aus dem Drama rausgeht? Wie lässt sich die Beziehung aufrecht erhalten? Und etwas intime Frage, aber gibt es dieses Dramagefühl auch in Bezug auf Sex?

    Antworten
    • Dami

      Hallo Julia, eine solche weitreichende Frage lässt sich an dieser Stelle einfach nicht beantworten. Dafür müsste ich dich kennen, denn da gibt es keine Pauschalantworten. Aber sicher kann das passieren.
      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten
  3. Beatrice

    Hallo Dami,
    vielen Dank für das hochinteressante Video. Ich beschäftige mich selbst schon länger mit problematischem Verhalten in meinem nahen Umfeld. Ich versuche, damit klar zu kommen, erlebe jedoch immer wieder sehr unangenehme Situationen, obwohl ich mittlerweile freundliche, aber sehr klare und ehrliche Rückmeldung gebe. Jetzt erkenne ich besser, wie schwer es für solche Menschen ist, so ein Verhalten zu ändern. Ich bin froh, dass ich es heutzutage besser einsortieren kann und weiß, dass ich nicht dafür verantwortlich bin, sondern sie selbst. Es hat mir in Vergangenheit sehr viel Probleme und Belastungen beschert. Aber ich spüre auch, wie sehr es sie selbst belastet. Vielleicht hilft es, wenn ich das Video weiterleite.
    Ich wünsche Dir eine schöne Vorweihnachtszeit und einen wundervollen Ausklang des Jahres.
    Liebe Grüße
    Beatrice

    Antworten
  4. Margit Wagner

    Hallo Dami,
    ein sehr interessantes Thema. Bitte um die Videos zum Schauen. Ich arbeite mit psychisch langzeitkranken Menschen, dort ist Trauma und Drama etc. zu Hause. Meine Arbeit umfasst Malen und Töpfern.

    Ich danke Dir für die Freischaltung der Videos
    liebe Grüße margit

    Antworten
  5. Sina

    Super hilfreich

    Antworten
  6. Annika Jungbluth

    Danke ich hätte gern Infos über das Thema Drama und Trauma. Ich bin derzeit in stationärer Behandlung im Schloss Wendgräben und mir wurde ihre Seite empfohlen. Gern lese ich mehr von Ihnen.
    Annika Jungbluth

    Antworten
    • Dami

      Hallo Annika, leider ist mir nicht klar, was du mit mehr Informationen meinst? Du kannst dich auf meiner Seite eintragen und dann bekommst du noch ganz viele Informationen gratis zum Thema Trauma.
      Alles Gute ind er Klinik!
      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten
  7. Silke Günter

    Ich würde gerne Jemanden (18) helfen, seine Wutausbrüche und Drogenabhängigkeit, durch ein frühkindliches Trauma, zu verarbeiten.

    Antworten
  8. Mathias

    Liebe Dami,

    mit großem Interesse und tiefer Dankbarkeit habe ich Ihren Artikel gelesen.

    Seit 6 Jahren lebe ich mit meiner Freundin, die genau unter den beschriebenen Symptomen leidet. Besser gesagt, ich leide drunter. Sie hat sie in dieser Zeit gar nicht konkret wahrgenommen. Wir haben uns gewundert, warum ihre Erzählungen mich so furchtbar frustriert und runtergezogen haben.

    Ein Beispiel: Sie erzählt viel und häufig über Zustände in ihrer Arbeit, die sich nicht ändern lassen und regt sich bis zur Weißglut darüber auf. Früher habe ich versucht, mit Lösungsansätzen zu helfen. Oh, das ging mal voll nach hinten los. Heute greift deshalb mein Schutzmechansismus und ich schließe die Ohren oder verlasse sogar den Raum, weil ich sie durch Gestik, Mimik und Worte nicht stoppen kann. Ich tue dies in erster Linie zum Selbstschutz um nicht innerlich zu verbrennen. Dann regt sie sich darüber auf, dass ich ihr nie zuhöre.

    Die meist benutzten Worte sind Scheiße, immer, nie. Es gibt nahezu aussschließlich schwarz und weiß. Auf einer Bewertungs- und Energiescala von 1 bis 10 bewegt sie sich vornehmlich auf Stufe 10.

    Lob und Komplimente erträgt sie nur sehr schwer und glaubt nicht, dass ich es ernst meine.

    Neben den im Artikel beschriebenen Dramen, die ca. 50% unserer gemeinsamen Zeit ungeheuer viel Energie verbrennen, haben wir eine sehr angenehme Beziehung mit vielen Gemeinsamkeiten. Da ich meine Freundin sehr lieb habe, möchte ich sie nicht verlieren.

    Aufgrund Ihres Artikels ist uns nun beiden bewusst, was der Auslöser der Dramen ist.

    Wir möchten nun einen Weg finden, gemeinsam mit dieser Sucht zu leben und einen Weg finden, diese zu reduzieren oder gar ganz los zu werden.

    Gibt es dazu einen Ratgeber für Angehörige? Ich habe schon einen Plan, aber es ist sicher nützlich, wenn jemand mit Erfahrung dazu die Grundlage vorschlägt.

    Ein strukturierter Zeitplan mit klaren Regeln wäre super.

    Ich freue mich auf Anregungen.

    Liebe Grüße

    Mathias

    Antworten
    • Dami

      Lieber Mathias,
      leider ist es nicht möglich hier eine ernsthafte Beratung zu geben.
      Zunächst einmal muss deine Freundin eine ernsthafte Veränderung wollen und Leidensdruck haben.
      Ich würde eine Psychotherapie empfehlen, denn solche starke Dysregulation ist sehr schwer alleine zu verbessern.
      Dir würde ich empfehlen immer wieder gut nach dir selbst zu schauen und deine Ressourcen zu stärken.
      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten

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