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Trauma und Kontakt

von | 27.01.2018 | 7 Kommentare

Wie beeinflusst Trauma die Art, wie wir Kontakt herstellen?

​Kontakt ist ein stetig auftretendes Thema für traumatisierte Menschen und spiegelt sich auch in meiner Arbeit wieder. Viele Betroffene berichten in diesem Kontext davon, wie frustriert und enttäuscht sie von anderen Menschen sind, wenn sie Kontakt mit ihnen herstellen möchten. Scheint es ihnen doch so, dass diese nicht genug Interesse haben oder sich wieder aus dem Kontakt zurück ziehen.

Sicherlich kann dies verschiedene Gründe haben, oder das Interesse ist zu einseitig. Ein anderer Grund ist jedoch oftmals, dass traumatisierte Menschen, vor allem Menschen mit Entwicklungstrauma, Kontakt auf eine Art und Weise herstellen, die oft zu Frustration führt.

Wir als soziale Wesen

Kontakt und soziale Beziehungen sind erwiesenermaßen die wichtigsten Dinge in unserem Leben. Sie stabilisieren uns, machen uns glücklich und sorgen am Ende dafür, dass wir ein zufriedenes Leben geführt haben. Ich weiß, dass das für Menschen mit Traumatisierung oft ein sehr schwieriges Thema ist. Allein, wenn Du das liest, kann schon ein bisschen Widerstand aufkeimen.

Schwierigkeiten im Aufbau von Bindungen

​Klienten berichten im Kontext von Kontakt häufig von einer Frustration im Umgang mit sich selbst und der eigenen Geschichte. ​Außerdem sind sie mit der Frage beschäftigt, wie sie dies zu anderen Menschen tragen können. Dahinter steht immer das Kernthema: Wie trete ich in Kontakt, wie trete ich in Beziehung, wie baue ich Freundschaften auf?

Mir wird in dem Zusammenhang häufig berichtet, dass die neuen Bekanntschaften mit Unverständnis oder mit Rückzug reagieren. Die ganze Sache mit Kontakt, Freundschaft oder Beziehung funktioniere nicht so gut.

Gesunder Beziehungsaufbau

Durch Traumatisierungen kann unser Gespür und der Ablauf, nach dem Kontakt aufgebaut wird, durcheinander geraten sein. Das liegt zumeist daran, dass wir keine sicheren Bindungserfahrungen gemacht haben und dies nun bei dem Versuch Kontakte zu knüpfen, spüren.

Der gesunde oder geläufige Ablauf ist: Ich lerne jemanden kennen, lerne sie/ihn noch ein wenig besser kennen und fange an mich auszutauschen. Dabei checke ich ab, ob die Person mir gut tut, ob sie gute Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften hat. Wir finden heraus, ob wir gemeinsame Interessen haben, und im Laufe der Zeit stellen wir immer mehr Nähe her. Dann stelle ich fest, ob jemand sicher für mich ist. Wichtig kann auch sein, ob die Person unter Stimmungsschwankungen leidet, oder ob ich mich auf ​sie verlassen kann. Wenn all die Voraussetzungen für beide Parteien geklärt sind, kann mehr Nähe hergestellt werden. Erst dann wird der Kontakt tiefer und geht in eine Form von Bindung über. Das ist der Ablauf, der gesund ist.

Beziehungsaufbau mit unsicherem Bindungsmuster

Bei Menschen mit durch Entwicklungstrauma bedingten unsicheren Bindungsmustern läuft dieser Prozess oft umgekehrt. Sie lernen jemanden kennen, finden die Person sympathisch, versuchen ganz viel Nähe herzustellen und gehen in die Bindung. ​Erst dann stellen sie fest, ob die Person überhaupt Interesse hat. Folglich finden sie erst spät heraus, ob die Interessen, das schon entstandene Näheverhältnis und die Persönlichkeiten harmonieren und kompatibel sind.

Die Enttäuschung folgt oft auf den Fuß

Das heißt, die Bindung wird hier praktisch schon hergestellt, bevor man die Person überhaupt richtig kennenlernt. Das liegt oft an der Sehnsucht nach Bindung. ​Ganz oft auch kann es aber auch sein, dass man einen netten Austausch mit einer Bindungsabsicht verwechselt​. Manchmal reicht eine freundschaftliches Gespräch aus und es wird sehr viel in diesen Kontakt hinein projeziert. Darin liegt sehr viel Frustrationspotential, weil Interessen mitunter vollständig aneinander vorbeigehen. Denn bei dieser Form des Kontakt Herstellens wird nicht bei jedem Schritt überprüft, ob der andere dasselbe empfindet und möchte.

Ein langsamer, aber gemeinsamer Weg

Das heißt, wenn Du dir Frustration ersparen möchtest, wenn Du Dir tiefe Freundschaften und auch glückliche Liebesbeziehungen aufbauen willst, solltest Du versuchen, die Form des Kontakte knüpfens zu verändern.

Beim Kennenlernen einer Person, finde zunächst erst einmal heraus, welche Meinungen und Interessen Dein Gegenüber hat. Baue langsam ein gemeinsames Feld aus und webe Verbindungen zu der anderen Person, wie ein Spinnennetz. Während dieses Vorgangs, öffnet sich einer von beiden vielleicht ein bisschen weiter, ein bisschen, und erzählt etwas über sich. Meistens handelt es sich dann nicht um intime Inhalte, sondern eher um vertrauensvollere Themen. Dies löst oft einen Spielball-effekt aus und die andere Person öffnet sich ebenfalls ein bisschen mehr. Auf dieser Ebene entsteht eine Basis, die durch mehr Kontakt erweitert werden und wachsen kann.

Jeder Mensch braucht unterschiedlich viel Kontakt

Ebenfalls unheimlich wichtig ist, wie oft jemand Kontakt möchte, wie oft jemand Kontakt herstellt. Zu sehen, dass ich jede Woche anrufe und die andere Person nie zurückruft, sollte mir zeigen: So viel Kontakt möchte die- oder derjenige nicht. Freundschaften oder Beziehungen zu bilden ist wie ein Tennisspiel. Man spielt sich die Bälle zu und schaut, wie oft der andere zurückspielt.

Ich habe Freunde, die treffe ich jedes Vierteljahr, und ich habe Freunde, mit denen telefoniere ich jeden zweiten, dritten Tag. ​Die Variationsbreite ist groß und jede davon ist in Ordnung. Das bedeutet nicht, dass das eine nichts taugt und das andere ganz toll ist. Es ist einfach ganz unterschiedlich.

Einen gemeinsamen Weg finden

Das Wichtige dabei ist, dass es für beide Parteien stimmig ist und man eine gemeinsame Ebene findet. Denn sonst wird es irgendwann frustrierend und es funktioniert nicht mehr.

Ich kann ganz viel von dem Frust ​verringern, wenn ich diesen Weg langsam gehe und langsam immer mehr Boden bereite. Dann hat die andere Person auch eine Chance bei mir anzukommen und mich langsam kennenzulernen.

Die Sache mit dem Timing

Wie eben schon erwähnt, spielt bei dem Aufbau eines neuen Kontaktes, ganz gleich in welche Bindungsrichtung Du tendierst, immer die angemessene Zeit eine Rolle. Wir können durch unsere Sehnsucht nach Kontakt und unsere Ungeduld, wenn wir jemanden treffen, den wir mögen, überfordernd für die andere Person sein. Dann bleibt keine Zeit für den Prozess, der auch die Bereitschaft entstehen lassen kann, dass sich jemand auf mich einlässt.

Deshalb stürze Dich nicht wie ein Tiger auf sein Opfer, sondern gehe sanft auf dein Gegenüber zu und zeige Dich Stück für Stück. Lerne zuzuhören und darauf entsprechend mit Deinen eigenen Geschichten zu reagieren. Die Zeit, die ihr investiert, wird Vertrauen ineinander schenken und Raum dafür bieten, vertrauensvolle Themen zu besprechen und sich weiter näher zu kommen.

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7 Kommentare

  1. annette

    wow ,Eins zu eins mich beschrieben gefühlt. Hätte aber gern gewusst WARUM das das Trauma so macht,daß ich mich immer so -wie eine geschüttelte Flasche Sekt,fühle und benehme,wenn ich jemanden kennenlerne .

    Antworten
    • Dami

      Hallo Annette, das hat etwas damit zu tun, dass man durch eine Traumatisierung dysreguliert ist und das autonome Nervensystem immer in Alarm ist. Auch darüber findest du hier mehr unter dem Stichwort Selbstregulation.
      Herzliche Grüße,
      Dami

      Antworten
  2. Linda

    Sehr gut beschrieben und auf den Punkt gebracht, Dami. Genau so (!) erlebe ich mich. Und auch diesen Frust. Eine Mischung aus Traurigkeit und Wut. Ich empfinde es so, dass niemand wirklich Interesse an mir hat, ich nicht verstanden und gesehen werde, egal bin, nichts wert.
    Ich habe keine wirklichen Freundinnen mehr. Oder vielleicht waren es auch nie welche, auch wenn es Menschen waren, die ich nah an mich heran gelassen hatte und wir uns über viele Jahre schon kannten. Auch mit unseren Geschichten. Als eine Beziehungsretraumatisierung meine Regulation völlig zunichte machte und ich auch nicht mehr arbeiten gehen konnte, habe ich erlebt, dass eine Freundin nur wenig Verständnis für all das hatte, was in mir wirkte: Misstrauen, Rückzug, Depression usw. Ich fühlte mich unendlich allein gelassen. Trotz meiner vielen Versuche, ihr auch meine Enttäuschung verstehbar zu machen, klappte es nicht. Ich brauchte wirkliche Freundschaft. In guten und in schlechten Zeiten eben. Und musste mir eingestehen, dass ich diesen Menschen als Freundin verloren hatte. Das machte meine Befindlichkeit nicht besser, sondern kam noch oben drauf. Eine weitere Freundin hat sich ebenfalls distanziert und nun habe ich außer meiner Partnerin, die Gott sei Dank noch da ist und zu mir hält, sonst niemanden mehr. Das macht mich unsagbar traurig und ich zweifle sehr an meiner eigenen Beziheungsfähigkeit.
    Ich wünsche mir sehr eine Freundin, die mich nimmt wie ich bin und mich „aushält“. Sowohl Leichtigkeit als auch Schwere. Und auch meine Verunsicherung. Ich glaube fast, das könnte nur jemand sein, die von Beruf Therapeutin ist, weil ich da voraussetze, dass sie ihr fachliches Wissen auch in privaten Beziehungen lebt. Freundschaft zwischen mir als Klientin und meiner Therapeutin geht natürlich nicht. Auch wenn sich die Bindung zwischen uns irgendwie ähnlich anfühlt. Doch genau so etwas wünsche ich mir eben und bin jetzt an dem Punkt, an dem meine Erschöpfung nicht mehr sooo lange anhält, ich mich etwas besser selbst regulieren kann und ich mich etwas besser in die Außenwelt bewegen kann.
    Naja, und da ich mir selbst bewusster werde, merke ich auch bewusster, dass es mir sehr schwer fällt, Kontakte zu suchen und einzugehen. Genau wie Du es beschrieben hast, Dami. Ich suche Bindung, öffne mich ganz weit, zeige mich und bekomme erst danach mit, dass mir ein Mensch gar nicht gut tut. Oder dass die Person die Flucht ergreift vor mir oder meiner Offenheit. Und dann bekomme ich Angst davor, was diese Person mit all dem, was ich ihr anvertraut hatte, Schlimmes machen könnte. Und ich strafe mich innerlich selbst ab, weil ich wiedermal so blöd war, so viel von mir gezeigt zu haben, ohne zu prüfen, ob mein Vertrauen sicher beim Anderen aufgehoben ist.
    Ich wünschte, ich wäre noch 5 statt 50. Als Kind ist Freundschaft schließen viel leichter. Obwohl ich denke, dass ich auch damals schon Probleme gehabt habe. Wirklich tiefe Freundschaften hatte ich scheinbar nie, wenn ich im Heute zurück schaue.
    Es ist mir total peinlich, dass ich in meinem Alter fragen muss: Wie geht Beziehung? Wie kann ich Freundinnen finden? Ich komme mir vor wie ein Fremding auf diesem Planeten. Und ich verzweifle zwischendurch, verliere die Hoffnung, doch noch Freundinnen finden zu können in diesem Leben. So viel Zeit bleibt mir halt nicht mehr und sie gleitet mir mit jedem Tag durch die Finger. Das trägt auch zu meiner inneren Eile bei, wenn ich Kontakt mit neuen Menschen eingehe. Auch ist es ja so, dass ich ein großes Bedrfnis nach Austausch habe bzgl. der jetzigen Situation meines Lebens, wie es mir geht und so. Wie soll ich das lange zurück halten können?
    Irgendwie alles ein Dilemma.

    Antworten
  3. Mimi

    Wenn ich das nur schon vor 40 Jahren gewusst hätte… ein sehr liebevoller Ausdruck; vor allem in den Handbewegungen, der Stimme und dem Inhaltlichen haben mich bis ans Ende geführt. So hätte ich auch als Kind durch schwieriges Gelände geführt werden wollen. Danke für die Erfahrung

    Antworten
  4. Uta

    Liebe Dami,

    danke für Deine Beiträge. Sie tun mir sehr gut und lassen mich immer mehr verstehen.
    Ich habe eine bitte an Dich. Kannst Du mal erklären woran ich Bindung erkenne. Worin unterscheiden sich Beziehung und Bindung und wie kann ich Nähe wahrnehmen. Ich habe keine Sensoren mehr dazu.
    Und nach meiner Therapie in einer psychosomatischen Tagesklinik mit anschießender tiefenpsychologischer Einzeltherapie bin ich noch unsicherer mit meiner Wahrnehmung geworden.
    Ich arbeite als EDV-Dozentin. Das sitzen Offiziere uns Soldaten vor mir und lächeln mich an. Ich habe keine Wahrnehmng dafür warum sie lächeln. Lächeln sie, weil sie das Leben mögen und immer gerne lächeln. Lächeln Sie weil ich gerade eine Unsicherheit zeige und sie mir zugeneigt sind und mir darüber hinweg helfen wollen. Sind sie mir zugeneigt und lächeln deshalb. Macht ihnen meine Unterricht spaß bzw. ist er nicht so trocken. – Ich kann nicht wahrnehmen, wie ich dort ankomme. – das ist eine Arbeitsbeziehung.

    Aber was ist Bindung. Wie kann ich die Bindung zu meinen Kindern wahrnehmen, zu meinen Enkeln.

    Das ist wie luftleerer Raum. Nix da.

    Liebe Grüße
    Uta

    Antworten
  5. Michaela

    Habe mal eine Frage diesbezüglich: warum fällt es mir im Beruf überhaupt nicht schwer Menschen nahe an mich heran zu lassen und ihnen emotional bei zu stehen (meine Kunden sagen mir immer sie seien dankbar für meine hohe Empathie) und im privaten Bereich benehme ich mich irgendwie scheinbar so befremdlich für andere, dass nie richtig enge Bindungen entstehen? Ich verstehe mich selbst nicht und das macht auf Dauer einsam..

    Antworten
    • Dami

      Liebe Michaela, lass dir doch mal sagen, was für andere schwierig ist und schau, ob es da Übereinstimmungen gibt. Vielleicht hilft dir das dein Verhalten besser zu sehen oder dich sogar langsam zu verändern.
      So würde ich das machen. Ein guter Therapeut sollte dir da auch RÜckmeldung geben können. Herzliche Grüße,
      Dami

      Antworten

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