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Corona Tagebuch – Veränderte Normalität

24.04.2020 | 2 Kommentare

Hallo! Hier ist wieder Helgrit, mit meinem dritten Tagebucheintrag, seitdem die Welt aus den Fugen geraten ist.

Es fällt mir immer noch schwer, zu begreifen, dass tatsächlich die ganze Welt betroffen ist, nicht nur meine eigene kleine.
Aber nur hier kann ich sehen, was wirklich passiert. Mit mir und in meiner engsten Umgebung.
Und eng geworden ist es tatsächlich.
Viel zu eng für mich.

Zurück in eine veränderte Realität

Das sind Worte, die seit der Lockerung der ersten Maßnahmen, häufig zu hören und zu lesen sind.

Zu einer veränderten Normalität gehören offensichtlich auch ganz neue Wortschöpfungen, wie „systemrelevante Berufe“. Und deren veränderte Wahrnehmung und Anerkennung in der Gesellschaft.

Was ich als einen der positiven Effekte der Pandemie sehe.

Obwohl ich es auch beschämend finde, dass es ein so einschneidendes Ereignis braucht, für ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander und ich frage mich, ob statt Beifall klatschen auf dem Balkon, nicht eine bessere Bezahlung und angemessene Arbeitsbedingungen angebrachter wären.

Was ist Normalität?

Normal ist für jeden von uns etwas anderes. Um das zu erkennen, muss ich nicht besonders klug sein, zuhören reicht schon aus.

Es ist wohl den derzeitigen Umständen geschuldet, dass wir neuerdings die Normalität an dem messen, was wir gerade nicht haben, oder wo wir einen Mangel erleben.

Bei mir sind das in erster Linie echte Begegnungen.

Bereits nach einer Woche mit nur virtuellen Kontakten, schlafe ich schlecht und fühle mich morgens wie zerschlagen.

Sogar meine gewohnten und geliebten Spaziergänge fangen an, mich anzuöden. Ich muss mich immer öfter überwinden, überhaupt vor die Tür zu gehen, obwohl Sonnenschein und aufblühende Natur da draußen auf mich warten. Ich verfalle zunehmend in eine Erstarrung und fühle mich einsam. Der Verlust von menschlicher Verbindung trennt mich auch von der Natur.

Und dann lädt mich meine Freundin zu sich ein.

Darf ich dich umarmen?

Eine Frage, die ich vor kurzem nie gestellt hätte!

Vor mir steht meine Freundin und es ist normal, dass wir uns umarmen. War es bisher jedenfalls. Und jetzt? Ich darf! Was für eine Erleichterung, was für ein Geschenk!

Wir liegen in der Sonne, reden und lachen miteinander und ich merke deutlich den beruhigenden Effekt für mein ganzes System. Ich fühle mich sicher und geborgen, ich kann sie sehen und spüren und mich rückversichern, dass ich jetzt gerade nicht allein bin. Mehr brauche ich in diesem Moment nicht.

Als wir uns verabschieden, bin ich das erste Mal in dieser Woche wirklich entspannt und ich hoffe, dass ich das eine Zeit lang in mir halten kann.

Den Frühling erleben

Dazu gehört für mich auf jeden Fall, dass die Cafés ihre Tische und Stühle rausstellen. Dort kann ich in der Sonne sitzen, lesen und schreiben, zwischendurch auftauchen und mich an dem Leben um mich herum erfreuen.

Wie ist das in einer veränderten Normalität?

Ich mache den Test und schaue, wie es bei mir vor Ort gerade aussieht.

Ich wohne in einer Kleinstadt mit einer entsprechend kleinen Einkaufsstraße. Die meisten Läden sind geschlossen, aber zwei der Cafés haben geöffnet. Wenn auch nur für den Straßenverkauf. Tische darf es auch draußen nicht geben, also steuern alle die öffentlichen Bänke an.

Ich auch, trotz Absperrband, das etwas halbherzig im Wind flattert. Hier wäre mehr als genug Platz, um die Leute mit dem geforderten Sicherheitsabstand an Tischen sitzen zu lassen.

Stattdessen belegen wir die Bänke, solange kein besorgter Bürger das Ordnungsamt einschaltet.

Keine Frage, das hier ist besser, als in den eigenen vier Wänden festzusitzen. Aber die ganze Szene wirkt so bedrückend auf mich, dass ich, auch ohne amtliche Aufforderung, nach kurzer Zeit wieder gehe.

Mich wieder lebendig fühlen

Heute hatte ich einen Termin in Berlin. Nun sitze ich hier am Ufer vom Landwehrkanal, um mich herum Spaziergänger, Sonnenanbeter, Eltern mit ihren Kindern, Leute, die ihre Hunde ausführen… Ein buntes Treiben, Stimmengewirr, unbeschwertes Lachen und ich merke, wie Lebensfreude und Energie regelrecht in mich einströmen.

Wir brauchen einander. Ob nun im direkten Kontakt, über Berührungen oder in flüchtigen Begegnungen.

Ein Kind auf einem Dreirad bemerkt meine Aufmerksamkeit. Angefeuert davon, zeigt es mir stolz seine Fahrkünste. Wir tauschen ein Lächeln aus, es kommt zu einem kurzen Gespräch mit der Mutter und zum Abschied winken wir uns zu.

Wie lange sind solche Begegnungen noch möglich?

Was passiert mit solchen Momenten, wenn wir alle eine Gesichtsmaske tragen? Was können wir dann noch in anderen Gesichtern lesen, erkennen wir ein Lächeln, das uns gilt? Wie fühlt es sich an, durch so eine Barriere zu sprechen und wie hört es sich für den anderen an? Reden wir dann überhaupt noch miteinander?

Für mich sind das viele kleine Schritte auf dem Weg zu einer distanzierteren Gesellschaft. Das Gefühl von Getrenntsein ist für viele von uns nicht neu. Jetzt wird es zur Realität, zu einer veränderten Vorstellung von gesellschaftlichen Umgangsformen und moralischem Verhalten. Wie lange halten wir das durch, ohne eine digitale Welt zu erschaffen, in der Begegnungen fast nur noch virtuell stattfinden? Und wie lange dauert es, bis wir den Kontakt zu uns selbst verlieren, so ganz ohne Spiegelung der anderen?

Kann ich meiner eigenen Wahrnehmung noch trauen?

An dieser Frage scheitere ich gerade sehr nachhaltig. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, selbständig zu denken und dem Gefühl, ich werde zu einer Verschwörungstheoretikerin und meine eigenen Gedanken sind kleinlich, dumm oder gar asozial.

Wenn ich mich umsehe, mit anderen im Gespräch bin, dann bekomme ich zunehmend den Eindruck, dass der angestrebte Effekt der Maßnahmen und die daraus resultierenden Folgen für viele von uns in eine gehörige Schieflage geraten.

Die Meinungen gehen immer weiter auseinander. Es entsteht ein Riss zwischen denen, die ausnahmslos den offiziellen Zahlen folgen und denen, die versuchen, auch andere Aspekte in den Focus zu rücken. Auch das trennt uns, macht einen Austausch und eine gemeinsame Betrachtung und gegenseitige Unterstützung immer schwieriger. Vielleicht gehen dabei wichtige Ressourcen verloren, gute Impulse und Ideen, die uns alle durch diese Zeit tragen können und auch die Zeit nach Corona noch lebenswert machen.

Ich wünsche uns allen viel Respekt voreinander und dass wir unser Recht auf ein eigenständiges Denken, auf Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung auch in der Krise nutzen.

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2 Kommentare

  1. Cornelia Fiedler

    Liebe Dami, das hast du wunderbar geschrieben, genau so ist es. Wir brauchen einander und ich bin froh, dass ich wunderbare Menschen in meinem Leben habe, mit denen ich mich auch trotzdem hin und wieder treffe und auch umarme. Der Begriff Verschwörungstheoretiker ist diffamierend und soll wohl nur anders denkende Menschen einschüchtern. Ich sehe die ganze Panikmache und die Maßnahmen kritisch, es wird so viel Leid erzeugt und doch ist es auch eine große Chance für uns, unsere Menschlichkeit und unsere Liebe zueinander viel tiefer zu spüren und zu erkennen, was uns wirklich wichtig ist. Ich habe auch den Eindruck, dass immer mehr Menschen die Informationen der Massenmedien hinterfragen und ebenso die Agenda der Politiker, was ich auch sehr gut finde. Es ist ein spirituelles und ein weltliches Aufwachen im Gange und das ist viel ansteckender als irgendein Virus. Ich wünsche allen Menschen, egal was für eine Meinung sie haben das Allerbeste. Alles Liebe für dich und vielen Dank für alles

    Antworten
    • Dami Charf

      Liebe Cornelia,
      den Artikel hat meine Mitarbeiterin Helgrit geschrieben.
      Also auch in ihrem Namen, vielen Dank!

      Herzliche Grüße, Dami

      Antworten

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