Blog

Traumaheilung » Wem du unbedingt verzeihen solltest

Wem du unbedingt verzeihen solltest

von | 08.07.2017 | 2 Kommentare

Wem du unbedingt verzeihen solltest

Verzeihen kann sehr befreiend für alle involvierten Parteien sein. Wichtig ist, dass es ein freiwilliger Prozess ist, bei dem du überzeugt davon bist, dass du es wirklich willst! Es ist nicht gegeben oder natürlich, dass wir irgendwann alles verzeihen sollten oder das Gefühl haben, wir müssten, weil es sonst Konsequenzen hat. Das sollten wir uns nicht einreden lassen! Man kann sehr gut leben, auch ohne Wut und Hass, wenn man nicht jedem verzeiht. Aber das ist natürlich Ansichtssache.

Verzeihen wirkt nur, wenn du es freiwillig machst

Mir ist es ganz wichtig, dass die Klienten und Menschen mit denen ich arbeite, sich nicht gezwungen fühlen, irgendjemandem irgendetwas zu verzeihen. Es braucht außerdem Zeit dafür. Vielleicht kann ich es nach zehn Jahren, oder nach einem Jahr – je nachdem, was mir angetan worden ist, ob ich es verzeihen möchte oder kann.

Auf jeden Fall hat kein Mensch das Recht Dir zu sagen, dass Du jemandem verzeihen solltest. Das muss jeder für sich selbst entscheiden und spüren, ob es wirklich stimmt.

Wir versuchen oft die Menschen, die uns verletzen, zu verstehen. Beispielsweise schauen uns wir uns die Geschichte unserer Eltern an. Denn wir wollen wissen, woher sie kommen, was sie durchgemacht haben und verstehen, warum sie uns so behandelt haben. Dabei kann oft das Gefühl entstehen, dass der eigene Schmerz keinen Platz mehr hat.

Dieses Verständnis bewirkt, dass wir denken, wir müssten ihnen vergeben, aber dabei vergessen wir manchmal, was es mit unsgemacht hat. Wir haben dann merkwürdige Gedanken, wie ‚wenn ich dich verstehe, darf ich nicht mehr leiden; es darf mir eigentlich nicht mehr wehtun.‘ Das stimmt nicht! Die Rechnung geht nicht auf. Du kannst sagen, ich verzeihe Dir, aber es war trotzdem sehr schmerzlich für mich. Es hat für mich Weichen gestellt, die heute nochmein Leben bestimmen.

Das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge, die gleichzeitig da sein dürfen. Es gibt kein entweder oder. Ich kann sehen, wo Du herkommst, was Du erlebt hast und gleichzeitig war es für mich eine Katastrophe. Das ist sehr wichtig! Bleib Dir und dem, was Du erlebt hast treu!

Stell Dir vor Dich überfahrt jemand unabsichtlich mit dem Auto und Du wirst querschnittsgelähmt. Darfst Du dann nicht wütend darüber sein, dass es passiert ist, auch wenn die Person es nicht wollte?

Du bist nicht Schuld

Die wichtigste Person, der Du verzeihen musst, bist Du selbst. Wir müssen uns selbst als erstes verzeihen, bevor wir irgendjemandem anders verzeihen.

Da kann natürlich der Gedanke entstehen, dass Du Dir ja gar nichts verzeihen brauchst, weil Du nichts gemacht hast. Und das stimmt!

Wenn Dir als Baby oder als Kind etwas angetan worden ist, hast Du nichts falsch gemacht! Trotzdem fühlt es sich so an. Es liegt an einem Mechanismus in uns. Als Kinder sind wir loyal. Wir lieben unsere Eltern und brauchen sie, um zu überleben, egal wie sie uns behandeln. Diese Loyalität führt oft dazu, dass wir uns selbst übergehen, weil wir uns anpassen und unsere Bedürfnisse und Entwicklungen nicht mehr gesehen werden. Es ist ein Selbstverrat, den wir begehen, damit wir die Beziehung, die für uns überlebenswichtig ist, behalten können. Denn wir tun alles dafür um Zuwendung und Anerkennung zu bekommen.

Arno Grün schreibt darüber ganz wunderbar in seinem Buch.https://www.klett-cotta.de/buch/Philosophie/Der_Fremde_in_uns/5118

Es gibt eine innere Instanz, die weiß, wir haben versucht, zu gefallen und dabei uns oder einen Teil von uns aufgegeben. Das verzeihen wir uns häufig nicht. Das kann auf einer sehr tiefen Ebene passiert sein und Dir eigentlich gar nicht richtig bewusst sein.

Verzeihe Dir!

Vielleicht magst Du ein bisschen darüber nachdenken und nachspüren, was Du von Dir aufgeben hast. Oder wo Du immer wieder hingegangen bist, obwohl es sich nicht gut für Dich angefühlt hat.

Wir sollten uns vergeben, dass wir uns so verstellt haben. Wir haben es getan, damit wir genug Liebe bekommen, überleben und uns so gut wie möglich entwickeln können. Versuche mit Mitgefühl für Dich darauf zu schauen und zu akzeptieren, dass Du das Beste getan hast, was Du tun konntest. Sage Dir: ‚Ich habe das Beste getan, um so viel Beziehung und Liebe wie möglich zu bekommen.‘

Verzeihe Dir, dass Du vielleicht nicht rebellisch warst, nicht so viel gekämpft hast. Es ist absolut in Ordnung, absolut menschlich und notwendig, dass Du so gehandelt hast.

Ich war ein ganz angepasstes Kind. Ich hatte viel zu viel Angst, was passieren würde, wenn ich auch nur wütend werde. Es war für mich ein wichtiger Prozess, mir zu verzeihen, dass ich nicht in die Rebellion gegangen bin. Ich habe erkannt, das war das Beste, was ich tun konnte. Ich weiß nicht, ob ich überlebt hätte, wenn ich rebelliert hätte.

Es liegt mir sehr am Herzen, dir das weiter zugeben! Vielleicht sagst Du in einer stillen Stunde mal laut zu Dir selbst – ich verzeihe mir!

Schau einfach mal, was dann passiert. Schau mit Mitgefühl und Selbstliebe auf Dich und Deinen Weg. Du hast es so gut gemacht, wie es ging.

Ich wünsche Dir ein paar berührende Momente dabei.

Gratis! Hol dir das E-Book + Videoserie

Lerne Trauma besser zu verstehen und mehr Verständnis für dich zu haben!

Letzte Beiträge

Perfektionismus – wenn man nie genug ist

Perfektionismus – wenn man nie genug ist

Perfektionismus begegnet uns ständig in unserem Alltag. Für die einen ist Perfektionismus der Antrieb zu Wachstum und Weiterentwicklung. Für andere wird das Streben nach Perfektion zu einem Zwang, der unter Umständen krank machen kann. Wir können also zwischen einem...

Fawn Response – wenn Freundlichkeit ein Zwang ist

Fawn Response – wenn Freundlichkeit ein Zwang ist

Denkst du manchmal, dass du vielleicht oft zu nett bist, auch zu Menschen, die du nicht einmal magst? Vielleicht ist dann der sogenannte Fawn Response in dir aktiv. Fawn heißt auf Englisch Rehkitz, Response bedeutet Antwort. Fawn ist im Englischen allerdings auch ein...

Wie deine Stimmung beeinflusst wird – State-Dependent Memory

Wie deine Stimmung beeinflusst wird – State-Dependent Memory

Das State-Dependent Memory (zustandsabhängige Erinnerung) ist ein Konzept, das dir helfen kann, deine Reaktionen zu verstehen und gegebenenfalls zu verändern. Wir denken, wir erinnern uns immer an die gleichen Dinge und könnten alles abrufen, was wir im Gedächtnis...

2 Kommentare

  1. Froggy

    Ich bin immer dankbar, wenn ich einen etwas kritischeren Beitrag zum Thema „Verzeihen“ lesen darf. Selten genug kommt das ja vor. Das Internet ist voll mit Titeln wie: „Verzeihen, der einzige Weg“, „Verzeihen ist die mächtigste Waffe“, „Verzeihen, die einzig vernünftige Wahl“, und so weiter mit derartigen Behauptungen.

    Ich komme aus einem sehr disfunktionalen Elternhaus. Und ich habe immer wieder vergeben, weil auch ich an die Heilsversprechungen der Vergebung glaubte. Mit dem Resultat, dass meine Eltern immer frecher wurden und sich immer mehr herausnahmen. Warum auch nicht? Meine Vergebung kam ja immer zuverlässig. Und so mussten sie niemals Konsequenzen für ihr Tun in Kauf nehmen. So lernten sie auch niemals, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Als letzte Konsequenz brach ich den Kontakt zu ihnen ab. Sie nehmen mich aber nicht mehr ernst. Immer wieder versuchen sie, erneuten Kontakt zu erzwingen. Denn sie haben fest damit gerechnet, dass ich ihnen mal eine billige Pflegerin für das Alter dienen würde…

    Verzeihen bedeutet ja eigentlich, Verzichten auf Wiedergutmachung. In diesem Sinne habe ich verziehen, genau genommen. Ich verzichte auf Wiedergutmachung, weil ich jeden Kontakt zu den Tätern vermeiden will. Um nicht nochmals traumatisiert zu werden. Verzeihen ist hier nicht etwa „der einzige Weg“. Sondern der Notfallplan, die letzte Möglichkeit, um noch mehr Schaden zu vermeiden.
    Diese Art von Vergebung wird vielen „Verzeih-Fans“ nicht so recht gefallen. Es fehlt der süssliche Zuckerguss, die liebreiche Geste zum Täter. Meiner Meinung nach gehört diese süssliche Psycho-Verrenkung aber nicht zur Vergebung. Verzeihen ist keine Täter-Verwöhnung, sondern der allerletzte Ausweg, um eine Retraumatisierung zu vermeiden.

    Antworten
  2. pia

    liebe dami, liebe froggy,

    ich mag diesen pauschalen verzeihens-erlösungs-schmalz auch nicht

    versöhnung jedoch ist für mich immer wieder überlebenswichtig, weil ich mich im aggressivem chaos nicht besonders wohl fühle – nur wenn ich mich als kriegerin denke, die all den arglosen verzweifelten genüge tut, und sie keinen moment lang mehr der demütigung des vergessen werdens ihres martyriums aussetzen lässt – dann lässt dieser druck nach, der uns zu zerquetschen droht.

    es ist das zurückspiegeln der erbarmungslosigkeit nach dahin wo sie gekommen ist, ohne mich rächen zu müssen, ich verweigern nur das einverständnis und die gutheissung mich immer weiter als hilfloses opfer wahrzunehmen und wahrnehmen zu lassen und nehme das recht in anspruch mich angemessen wehren zu dürfen. ich bin dann eine stille beobachterin die zeugin wird wie sich das grauen über das system der unmenschlichkeit selbst senkt und es letzlich so in sich selbst verrant und verkeilt von uns ablenkt, die wir nach frieden suchen,

    und danach kann auch ich versöhnung zelebrieren mit mir selbst, ohne schuldgefühl und mit gutem gewissen, und auch mit denen die sich danach sehnen ernsthaft und konsequent wiedergutzumachen und auch dem entsprechend handeln.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ab dem 26. September startet mein kostenfreier Schnupperkurs zu "Mit Trauma leben"


Mehr Informationen und Anmeldung
Ab dem 26. September startet mein kostenfreier Schnupperkurs zu "Mit Trauma leben"

You have Successfully Subscribed!