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Wut und Trauma

von | 07.07.2017 | 8 Kommentare

Hallo! Ich bin Dami Charf, die Gründerin der Methode somatische emotionale Integration (SEI). Ich arbeite als Psychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz, hauptsächlich im Bereich der körperorientierten Traumatherapie. Dafür habe ich eine Praxis und ein Seminarzentrum in Göttingen. Im Gebiet der Traumatherapie gebe ich auch Ausbildungen.

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Wut und Trauma

Für viele Menschen mit einer Traumageschichte ist Wut ein großes Thema. Dort stellen sich die Fragen, wie man mit ihr umgehen soll bzw. wie man an sie heran kommt und ob man sie überhaupt haben darf.

Fast jede und jeder, der Traumatisierungen erlitten hat, trägt Wut in sich. Das ist auch klar, denn bei einem Trauma wurde einem etwas zu viel, man hätte sich wehren wollen, konnte es aber aus irgendeinem Grund nicht. Der Körper bleibt dann in der Position stecken, wo der Impuls zurückzuschlagen oder wegzurennen überwältigt worden ist. Er merkt sich praktisch die Energie, die für die Abwehr und somit für das Überleben bereitgestellt wurde. Diese ist dann sozusagen im Körper eingefroren. Das kann man sich so vorstellen, wie wenn ein Raubtier sich an seine Beute heranpirscht und dann mitten im Sprung auf die Beute angehalten wird. Dann kann man sich vorstellen, wie viel Energie da im Körper gehalten wird.

Rage

In der körperorientierten Psychotherapie geht man davon aus, dass diese Energie die Symptome ausmacht, da der Körper so viel eingefrorene Energie im Nervensystem einfach nicht managen kann. Deshalb sitzt man sozusagen auf dieser Wut, dieser Überlebenswut, und kommt nicht davon runter. Diese Wut ist ziemlich groß und sie kann sehr beängstigend sein. Bei Menschen mit frühen Traumatisierungen, etwa durch eine schwere Geburt oder durch Ablehnung durch die Eltern, handelt es sich oft nicht bloß um Wut, sondern um Rage.

Rage ist etwas anderes als Wut

Der Unterschied ist, dass Rage schon etwas Instinkthaftes hat, etwas Zerstörerisches, da dann wirklich eine Vernichtungsenergie in sich getragen wird. Und diese Energie wird dann oft total fest gehalten, weil man Angst hat, dass dann jemand stirbt, man wie ein Atomkraftwerk hochgeht und es um einen herum Leichen gibt, wenn man sie raus lässt. Das ist also etwas ganz Anderes, als das, was Leute mit Wut meinen, die nichts mit Traumata zu tun haben. Diese Rage einfach nur zu verstehen, ist für mich enorm wichtig. Es ist völlig normal, dass sich diese gesteigerte Wut bildet, wenn z.B. ein Baby das Gefühl der Zurückweisung bekommt, das Gefühl, nicht angenommen zu werden. Und diese Wut macht sich nicht im ganzen Körper breit, sondern sie wird in einem ganz engen Kern gehalten.

Wut als Grenze

Wichtig für mein Verständnis von Wut ist, dass sie nicht zu einer Person gehört. Sie basiert in vielen Situationen auf unserer Interpretation davon und ist in den wenigsten Fällen gerechtfertigt. Wut ist eigentlich nur gerechtfertigt, wenn jemand wirklich bösartig zu uns ist. Dann kann die Wut nämlich als Grenze eingesetzt werden, um dem Gegenüber eine Linie nach dem Motto „Bis hier her und nicht weiter“ klar zu machen. Hier sehen wir also, dass Wut nicht dazu da ist, jemanden zu verletzen. Man kann also auch mit der Wut umgehen, indem man diese Energie einsetzt, um eine Grenze deutlich zu machen, und trotzdem höflich bleibt. Und das bringt mich zu dem Tipp: Wenn du so wütend bist, dass das nicht mehr klappt, dann beiß dir auf die Zunge, geh raus, trete gegen die Hauswand oder laufe eine Runde um den Block. Stell auf diese Weise sicher, dass du wieder in einem Rahmen reagieren kannst, der für die Beziehung mit der Person, um die es geht, angemessen ist.

Wut spüren und zulassen, aber…

Es geht aber nicht darum, die Wut immer zu deckeln oder sie gar nicht zu spüren. Vielmehr kann man der Wut Raum geben, indem man das Gefühl ganz bewusst versucht wahrzunehmen. Man kann dann (in einer Situation, in der man wütend ist oder sich auch nur vorstellt wütend zu sein) beobachten, wie es sich anfühlt, weiter zu atmen und sich vorzustellen, dass die Wut sich im Körper verteilen darf. Wenn sich das schlecht anfühlt, dann sollte man abbrechen, tief atmen, etwas auf der Stelle laufen und sich im Raum umsehen. Wenn es sich aber nicht so schlecht anfühlt, dann lohnt es sich wirklich mal, die Wut sich im Körper verbreiten zu lassen. Vielleicht merkt man dann, dass sie da etwas in einem öffnet und dass sich das sogar gut anfühlt.

Außerdem kannst du dir auch mal vorstellen, wie es ist, etwas kaputt zu schlagen. Bleib bei der Vorstellung fühle weiterhin deinen Körper. Auf diese Weise erreichen wir das Stammhirn, wo eben auch Trauma gelagert wird. Stell dir das Kaputtschlagen also so vor, dass du das Gefühl hast, es wirklich zu machen, ohne die entsprechenden Bewegungen wirklich auszuführen. Es kann sein, dass dein Körper anfängt zu vibrieren oder zu zittern. Lass ihn das auch tun, solange dir warm ist. Da kommt einfach die Energie in Bewegung und ein bisschen Schock kommt aus deinem Körper. Auch hier gilt wieder, dass du abbrechen solltest, wenn es sich unangenehm anfühlt.

Die kleinen Schritte zählen

Insgesamt empfiehlt es sich, bei kleinen Schritten zu bleiben und vorsichtig zu erspüren, wie die Wut kommt. Man muss keine Angst haben, dass gleich jemand stirbt, wenn man seine Wut zeigt, und auch nicht, dass man dann allein gelassen wird und somit selbst stirbt. Das sind Ängste aus dem Baby- bzw. Kleinkindesalter, wo sie normal und auch berechtigt sind. Und diese Ängste haben dann dazu geführt, dass man die Wut in sich hält. Das macht einen aber ganz eng. Deshalb sollte man sich wirklich trauen, Kontakt mit dieser Wut aufzunehmen. Das sollte ohne Bewertung gemacht werden und ohne sich mit der Wut zu identifizieren, sondern einfach um zu spüren, dass da Energie im Körper ist, und herauszufinden, wie diese sich anfühlt.

Das war’s zum Thema „Wut und Rage“. Schau auch gerne mal bei meinem Beitrag über den Umgang mit Wut vorbei. Ich wünsche dir viel Erfolg beim Ausprobieren und Umsetzen der Ideen!

Übrigens: In meinem Blog erfährst du auch, worauf du bei der Suche nach einem geeigneten Traumatherapie-Therapeuten zu achten ist.

Bis zum nächsten Mal
Dami

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8 Kommentare

  1. Jo

    „Man kann also auch mit der Wut umgehen, indem man diese Energie einsetzt, um eine Grenze deutlich zu machen, und trotzdem höflich bleibt. Und das bringt mich zu dem Tipp: Wenn du so wütend bist, dass das nicht mehr klappt, dann beiß dir auf die Zunge, geh raus, trete gegen die Hauswand“
    Damit ich mir den Fuß breche? Wenn ich wütend bin, höflich bleiben (sprich heucheln, unterdrücken)? Klingt ganz schön nach Autoaggression der Autorin …

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    • Dami

      Hallo Jo, man kann Dinge natürlich auch Wort wörtlich verstehen wollen… Es geht einfach darum diese Wut nicht an deinem Gegenüber auszuagieren. Klare Grenzen und jemanden nicht zu beschimpfen oder zu verletzen sind noch kein heucheln. Aber
      letztendlich muss das jeder für sich bestimmen und herausfinden, was sinnvoll ist. Ich gebe hier nur meine Meinung und Erfahrung wieder. Herzliche Grüße, Dami

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  2. Andrea

    Liebe Dami, ich lebe seit 3,5 Jahren mit einem Trauma. Ich bekomme Wutausbrüche die ich bis zur völligen Erschöpfung ausreitze. Ausgelöst durch einen Treuebruch, den ich rein vom Bauchgefühl heraus bekam. Es gab keinerlei Anzeichen dafür. Mein Umfeld hat mich schon als absoluten Spinner behandelt. Und bei dem ich knapp 9 Monate recherchieren, suchen, fragen, betteln müsste. Bis mein Partner(seine Aussage,:Er hatte wahnsinnig Angst das ich ihn verlassen würde) endlich sagte das mein Bauchgefühl recht hatte.
    Ich war mittlerweile ihn 2 Kliniken und habe 3 Antidepressiva hinter mir. Wobei ich bei den Medikamenten recht schnell Nebenwirkungen bekam. (keine Gewalt mehr über meinen eigenen Körper,Hyperventilation, Epeletischer Anfall) Mein Hausarzt sagte mir dann:Dein Körper zeigt dir ganz deutlich das er diese Medikamente nicht will. Mein Bauch gibt keine Ruhe, als wenn noch mehr da ist.
    Mein Therapeut kommt bei mir nicht mehr weiter, und hält mein Bauchgefühl für Defekt. Es wird bei mir ein Trauma diagnostiziert, ausgelöst durch den Treuebruch. Aber es soll weit tief liegender sein. Nur hätte ich es so gut versteckt das ich keinen daran lasse, noch nicht einmal mich selbst. Als ich ihr Zeilen über die Wut las, merkte ich das erste Mal das nicht nur ich so stark emotional reagiere. Ich weiß nicht was diese Zeilen berührt haben, aber sie haben mich sofort mitgenommen. Für diese Erkenntnis Danke ich Ihnen.

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  3. panda

    Wut ist nur gerechtfertigt, wenn jemand wirklich bösartig zu uns ist? Das triggert mich enorm, weil ich das Gefühl habe, mein Gefühl der Wut sei falsch! Und Gefühle sind nicht falsch, ja sie können durch Gedanken erzeugt werden, aber auch umgekehrt, darüber habe ich als Mensch keine Kontrolle, da mein Unterbewusstsein für mich nur bis zu einem bestimmte Maße „umprogrammierbar“ ist. Und was ist „bösartig“? Das erfordert auch eine Interpretation und wir als Menschen sind nicht zur Objektivität fähig, wie also soll jemand entscheiden, ob das was ihm widerfährt nun bösartig ist oder nicht? Das kann er nicht im Vorhinein, wenn es sich für ihn erstmal so anfühlt. Und jeder andere Mensch, der sein Gefühl der Wut als nicht „gerechtfertigt“ interpretiert/beurteilt, übertritt da meines Erachtens nach eine Grenze, worauf ich persönlich, wie bei dieser Formulierung, mit Wut reagiere. Für mich stellt die Nichtakzeptanz oder Bewertung/Interpretierung meiner Gefühle einen massiven Trigger dar, daher der Kommentar zu dieser Formulierung in deinem Artikel. Natürlich kann ich selbst entscheiden wie ich weiter damit umgehe, ich kann daraus lernen und es als inneren Kompass nutzen und erkennen, worin meine Reaktionsmuster bestehen. Dennoch bin ich erstmal durch die Physiologie und Traumaspuren meines Gehirns determiniert und werde von meiner Wut darauf aufmerksam gemacht.

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    • Dami

      Hallo Panda, Gefühle sind nicht falsch. Sie sind enfach. Es geht mir darum, was man mit den Gefühlen macht. Wut rauslassen ist ein überaltetes Konzept und führt weder zum Wohlbefinden der Person, die ihre Wut raus lässt, noch ist es gut für die Person, die es abbekommt.
      Außerdem kann man sehr wohl ein anderes Verhältnis zur Welt bekommen und anders mit Gefühlen und Gedanken umgehen lernen. Das ist absolut veränderbar. Gefühle sind nicht unbedingt ein guter Kompass, weil sie oft in die Vergangenheit zeigen und gar nichts mit der Situation jetzt zu tun haben.
      Auerdem möchte ich dir gerne bei der Determinierung widersprechen, dann hätte also niemand Verantwortung für sein Tun, der eine Traumatisierung erlitten hat. Herzliche Grüße, Dami

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  4. Dimitra Karagiannidou

    Natürlich kann man lernen mit der Wut anders umzugehen aber erst muss diese alte gestaute Wut raus man muss sie an keine Person raus lassen aber sie muss raus damit die Energie frei gesetzt wird und wieder in richtigen Bahnen laufen kann.Und so wie sie es hier beschreiben bekommt man als traumatisierte Mensch schon wieder da stimmt mit mir was nicht. Mein Gefühl ist falsch darf ich nicht fühlen . Und doch schreiben sie das es eine Energie ist die sich festgesetzt hat also muss sie raus…Auch wenn man mal nur laut schreit oder sich anders Luft macht ohne jemand zu verletzen aber sie muss raus.

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    • Dami

      Hallo Dimitra, das Gefühl ist nicht falsch und das sage ich auch nicht. Es geht darum einen Umgang damit zu finden und das Gefühle letztlich so zu intergrieren, dass es sich wandeln kann. Wut kann man mal „rauslassen“, aber davon geht sie leider nicht weg. Jedenfalls nicht so alte Wut, wie sie bei frühen Traumata entsteht. Darum geht der Artikel. Herzliche Grüße, Dami

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  5. Tanja

    Kein Gefühl ist falsch oder unangebracht. Wut ist m.M.n eine Emotion, die zeigt, wo Grenzen verletzt wurden und wo man Grenzen setzen muss. Man wird traurig, ärgerlich, wütend, wenn jemand respektlos ist oder entwürdigend, wenn man ignoriert oder übergangen wird etc. Und das ist auch richtig so. Jedes Gefühl und jede Emotion sagt etwas über uns und unsere Natur aus. Meine Erfahrung ist, dass das Ausagieren des sich nicht erlaubten oder unterdrückten Wutausdrucks sehr hilfreich ist. Wenn ich wütend bin und 5 Minuten in ein Kissen schreie, taucht irgendwann die Trauer dahinter auf und vielleicht auch eine Angst. Trauer darüber, dass sich ein Bedürfnis nicht erfüllen durfte, oder über eine tiefe Sehnsucht, die noch immer ungestillt ist, Trauer über die Liebe, die man nicht geben oder erhalten durfte, und die Angst, alleine zurückzubleiben und mit dem Leben überfordert zu sein. Ja… so erlebe ich das. Und dann, wenn das alles sich zeigen darf, habe ich die Möglichkeit, den Anteil, der da nicht gesehen wurde, liebevoll zu umarmen und ihm Sicherheit zu geben, liebevolle Worte zu sprechen, Zuversicht zu schenken, Hoffnung zu geben…. bis es genug ist. 🙂 Ich nähre diesen Anteil, bis ich spüre, dass er satt ist und mir zufrieden dienen kann. Danke für die Arbeit, Dami. LG

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