Die Macht von Sekundärtraumatisierungen
Es gibt Erfahrungen, über die viele Menschen nie sprechen.
Nicht, weil sie unwichtig wären. Sondern weil sie kaum jemand als Erfahrung einordnet. Weil es keinen Namen dafür gibt. Weil man sich selbst nie die Erlaubnis gegeben hat, sie ernst zu nehmen.
Vielleicht gehörst du zu denen, die sagen:
„Mir wurde nichts getan. Ich habe es nur mitbekommen.“
„Anderen ging es viel schlechter.“
Und doch zieht sich eine Spur durch dein Leben, die du dir nicht erklären kannst:
- Du fühlst dich in Konflikten schnell überfordert.
- Du wirst still und bekommst Stress, sobald jemand lauter wird.
- Oder du springst sofort in die Verantwortung, obwohl du es gar nicht willst.
- Du weißt genau, was andere brauchen – aber kaum, was du selbst brauchst.
Viele Menschen verstehen nicht, warum sie so reagieren. Sie suchen die Erklärung in ihrem Charakter. In mangelnder Willenskraft. In irgendeinem persönlichen Defizit. Aber das ist nicht die ganze Geschichte.
Die Gewalt war nicht gegen dich gerichtet – aber du hast sie gefühlt
Wenn Kinder miterleben, wie Geschwister geschlagen oder angeschrien werden. Wenn sie hören, wie Eltern sich gegenseitig bedrohen. Wenn im Bett nebenan etwas passiert, das sie nicht benennen können – dann ist das keine „Beobachtung“.
Es ist eine massive Überforderung des gesamten Systems. Und extrem beängstigend.
Ein Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, vier Dinge:
- Vorhersehbarkeit,
- Sicherheit,
- Zugewandtheit und Schutz durch die Erwachsenen.
Wenn im Raum Gewalt geschieht, bricht dieses Fundament ein – auch wenn niemand dich berührt hat.
Dein Körper reagiert, als ginge die Bedrohung gegen dich.
Das gesamte Stresssystem springt an. Angst flutet den Körper mit allen damit verbundenen Stresshormonen. Der Kampf- oder Fluchtreflex springt an. Man sucht nach einem Ausweg – und es gibt keinen. Manche Kinder verstecken sich und harren erstarrt aus. Andere trauen sich nicht, sich zu bewegen, aus Angst gesehen zu werden oder etwas falsch zu machen.
Die Situation ist ausweglos. Und die meisten Kinder erstarren. Manche lernen mit der Zeit zu dissoziieren – einfach nicht mehr da zu sein.
Und weil Kinder nicht eingreifen können, entsteht ein körperliches Muster, das bis weit ins Erwachsenenleben reicht:
Ohnmacht bei gleichzeitigem Verantwortungsgefühl.
Eine paradoxe Kombination – aber für viele zutiefst vertraut.
Was niemand sieht – und du vielleicht noch nie ausgesprochen hast
Kinder fühlen sich sofort verantwortlich für das, was geschieht. Sie haben das Gefühl, ihre Geschwister oder ihre Mutter retten zu müssen. Dazu kommt die Angst, dass man selbst als Nächstes dran sein könnte.
Und dann ist da noch etwas, worüber fast niemand spricht:
Die Schuldgefühle, wenn man davongekommen ist. Und die Scham über die Erleichterung darüber.
Das ist eine furchtbare und extrem belastende Mischung von Gefühlen. Manchmal ist dieses innere Erleben schwieriger und zerstörerischer als die Gewalt selbst abzubekommen. Denn wer geschlagen wurde, kann sich später klar als Opfer bezeichnen.
Aber wie bezeichnest du dich selbst, wenn du daneben standest?
Wenn du mitbekommen hast, wie im Bett nebenan eine Schwester missbraucht wurde? Wenn du insgeheim erleichtert warst – und das nie, niemals aussprechen durftest?
Die Wahrheit ist: Auch du bist ein Opfer. Anders als deine Geschwister. Anders als dein Elternteil. Aber dennoch ein Opfer. Du bist das unsichtbare Opfer – das, welches nie genannt wird und sich oftmals aus lauter Scham nicht einmal selbst als Opfer anerkennt.
Die Wut, die sich gegen dich selbst richtet
Häufig ist diese Dynamik gepaart mit einer immensen Wut auf sich selbst. Man hätte eingreifen müssen. Man hätte etwas tun müssen. Man hätte lauter sein müssen, mutiger, stärker.
Das sind die Gedanken eines Erwachsenen, der nicht mehr fühlen kann, wie ohnmächtig und hilflos er selbst als Kind war!
Du hättest nichts verhindern können. Du warst ein kleines Kind. Ein kleines verängstigtes, einsames Kind. Auch du hättest Schutz und Trost gebraucht.
Die Spaltung, die in Familien entsteht
Leider führen solche Familiendynamiken immer wieder dazu, dass auch die Geschwister untereinander sich entfremden. Zu viel Leid, Schuld und Scham steht zwischen ihnen. Manchmal ist es den Betroffenen noch als Erwachsene kaum möglich, sich gegenseitig in dem Leiden zu sehen und sich beizustehen.
In manchen Familien unterstützen die Täter diese Spaltung – indem sie ein Kind zum Liebling deklarieren und ihm eine andere Behandlung geben. Nicht immer ist diese Behandlung besser. Manchmal bedeutet es einfach, als Opfer ausersehen zu sein.
Und die anderen Kinder? Die stehen daneben. Und lernen: Hier ist kein Platz für mein Leid. Ich muss funktionieren.
Drei Muster, die dein Körper damals gelernt hat
Gewalt im Familiensystem ist immer auch ein Beziehungszusammenbruch. Der Körper eines Kindes lernt in solchen Momenten bestimmte Überlebensstrategien. Und diese Strategien bleiben – lange nachdem die Situation vorüber ist.
„Ich kann nichts tun.“
Dein System hat damals real erlebt: Keine Handlung hat die Situation verbessert. Keine Reaktion war sicher. Der Körper speichert das ab – nicht als Gedanke, sondern als Reflex.
Deshalb wirst du heute in schwierigen Momenten manchmal sprachlos, gelähmt, klein, überwältigt – oder du driftest innerlich weg. Nicht, weil du unfähig bist. Sondern weil dein Körper gelernt hat, dass Handeln gefährlich sein könnte.
„Ich muss alles im Blick behalten.“
Kinder, die Gewalt bezeugen, entwickeln oft eine enorme Wachsamkeit. Sie registrieren Stimmlagen, Schritte, Spannungen, kleinste Veränderungen im Gesichtsausdruck. Diese Fähigkeit war damals überlebenswichtig.
Heute sorgt sie dafür, dass du Konflikte kilometerweit vorher spürst – und dich dennoch machtlos fühlst. Eine erschöpfende Kombination.
„Wenn ich mich anpasse, wird es vielleicht besser.“
In vielen Familien galt: Wer ruhig war, wer vermittelte, wer spürte, was andere brauchen – konnte Situationen deeskalieren. Diese Strategie war funktional. Sie hat geschützt.
Doch im Erwachsenenleben entsteht aus dieser Anpassungsintelligenz oft: Übernahme von Verantwortung, Perfektionismus, Harmoniesucht, Schwierigkeiten bei Grenzsetzung und eine tiefe Angst, andere zu enttäuschen.
Das klingt nach einem Charakterzug. Ist es aber nicht. Es ist eine Überlebensstrategie.
Vielleicht erkennst du dich hier wieder
- Du möchtest etwas sagen, aber deine Stimme versagt.
- Du weißt sofort, was andere fühlen – aber kaum, was du selbst brauchst.
- Wenn jemand laut wird, zieht sich dein Brustkorb zusammen.
- Du übernimmst Verantwortung in Beziehungen, die nicht deine ist.
- Du gehst über deine Grenzen, weil du Angst hast, andere könnten „kippen“.
- Du fühlst dich schnell schuldig, wenn jemand leidet.
- Du erstarrst innerlich, wenn Konflikte entstehen.
Das sind keine Charakterzüge. Das sind körperlich eingeprägte Strategien, die dich früher geschützt haben – und heute erschöpfen.
Warum darüber zu sprechen so schwer ist
Viele Menschen minimieren ihre Vergangenheit. „Ich wurde ja nicht geschlagen.“ „Ich habe es nur gesehen.“ „Andere hatten es schlimmer.“
Doch dein Körper misst nicht moralisch. Er reagiert. Er bewertet nicht, wer „dran war“. Er nimmt wahr, ob Sicherheit vorhanden ist – oder nicht. Und wenn Sicherheit fehlt, entsteht eine Überlebenslogik, die oft erst im Erwachsenenalter sichtbar wird.
Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie.
Was heute wichtig ist für dich
Du reagierst nicht über. Du bist nicht empfindlich. Du bist nicht „zu nett“.
Du trägst die Spuren einer Zeit, in der du nichts beeinflussen konntest, aber alles mitbekommen hast. Und trotzdem hast du überlebt. Das allein zeigt, wie kraftvoll du bist.
Meiner Erfahrung nach beginnt Veränderung dort, wo du zum ersten Mal fühlen kannst:
„Ich muss nicht mehr alles halten.“
„Ich darf heute anders handeln, als ich damals handeln konnte.“
„Ich habe Möglichkeiten, die ich früher nicht hatte.“
Es geht nicht darum, dich zu reparieren. Du warst nie kaputt. Es geht darum, deine Reaktionen zu verstehen – und sie in deine Gegenwart zu holen, wo du erwachsen bist, sicherer bist und wählen darfst.
Vielleicht liest du diesen Text und etwas in dir sagt: „Das bin ich.“
Wenn das so ist, dann möchte ich, dass du eines weißt: Du hast nicht übertrieben. Du hast nicht zu viel daraus gemacht. Und du musst dich nicht dafür rechtfertigen, dass es dich getroffen hat.
Dein Körper hat die Wahrheit immer gewusst. Jetzt darfst du sie auch wissen.
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