Was mir 30 Jahre lang niemand gesagt hat

Bist du erschöpft und weißt nicht warum – obwohl du schon so viel tust

Ich sage heute ein paar Dinge, die ich sonst so nie sage. Dinge, für die ich vielleicht von ein paar Sockeln gestoßen werde. Aber ich halte es für wichtig.

Also: Letztes Jahr bin ich zusammengeklappt.

Warum 30 Jahre Körperarbeit mich nicht vor dem Zusammenbruch geschützt haben. Und warum das die wichtigste Erkenntnis meines Lebens ist.

Nicht emotional. Nicht psychisch. Sondern körperlich. Nach meiner Hüft-OP im Februar war plötzlich nur noch Nebel in meinem Kopf. Ich konnte nicht mehr denken, mich nicht mehr konzentrieren. Im Sommer ging dann gefühlt gar nichts mehr. Trotz Urlaub – ich kam nicht mehr hoch.

Und ja, ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit Körperpsychotherapie. Ich habe das Thema Entwicklungstrauma in Deutschland bekannt gemacht. Ich weiß, dass Trauma im Körper sitzt.

Und trotzdem hat es mich erwischt.

Die Illusion, die wir alle glauben wollen

Als ich in meinem Newsletter darüber geschrieben habe, kamen Reaktionen, die mich aufhorchen ließen:

„Wahnsinn, das hätte ich nicht gedacht – mit deiner Erfahrung und der vielen Therapie sollte das doch nicht mehr passieren.“

Da ist sie. Die Illusion, die ich heute töten möchte.

Die Vorstellung, dass Therapie und Selbstarbeit uns vor Krankheit, Unglück und Tod schützen. Dass es einen Endpunkt gibt, an dem alles nur noch gut ist und wir keine Probleme mehr haben.

Das ist leider Unsinn.

Ich kenne Menschen, die mir gesagt haben: „Ich habe keine Krankenversicherung, weil ich positiv denke – dann passiert mir nichts.“ Das war vor 30 Jahren. Ich würde heute gerne wissen, ob sie immer noch so denken.

Aber diese Gehirnwäsche ist überall. Die Selbsthilfe-Industrie verkauft uns die Idee, dass wir mit genug Mindset-Arbeit, genug Manifestation, genug positiven Gedanken vor dem Leben geschützt sind.

Das Leben funktioniert leider so nicht.

Was sich wirklich ändert

Auch ich werde krank. Auch ich habe Probleme. Das wird nie aufhören.

Was sich verändert hat zu früher: Wie lange ich in den Problemen bleibe. Wie tief ich abrutsche. Wie schnell ich wieder hochkomme.

Die Themen verändern sich. Wir wachsen und lernen, solange wir leben. Ich hoffe, dass ich wach in den Tod gehen kann und sagen kann: Ich habe alles so gut gemacht, wie ich konnte.

Aber mein Leben wird nie problemfrei sein, nur weil ich lang genug Therapie gemacht habe.

Und du solltest Menschen überhaupt nicht glauben, die dieses Bild von sich entwerfen.

Ich kenne Leute im Netz, die haben Depressionen – und verkaufen gleichzeitig: „In einer Woche bist du glücklicher.“ Das kann man nicht machen.

Die biologische Wahrheit, die wir ignorieren

Was ich in meiner Krise gelernt habe: Trauma schlägt noch viel tiefere Spuren, als mir das sowieso schon klar war.

In der ACE-Studie wurden 17.000 Menschen untersucht, die unterschiedliche Grade von schwierigen Kindheiten hatten. Die Ergebnisse sind eindeutig: Es gibt eine massive Korrelation zu Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, Rückenschmerzen – zu praktisch allen chronischen Krankheiten.

Das habe ich jetzt am eigenen Leib erfahren.

Mein Körper hat nicht genügend Ressourcen und Regulationsfähigkeit bekommen durch meine Kindheit. Durch den dauernden, jahrelangen Stress. Auch wenn ich das im Alltag nicht mehr ständig fühle – für meinen Körper war es offensichtlich anders.

Was sich bei mir letzten Sommer gezeigt hat:

  • Die Wirkung von drei toten Zähnen, die ich schon Jahre im Mund hatte.
  • Ein Medikament, das ich seit 30 Jahren nehme und das meine gesamten Neurotransmitter geschädigt hat – ohne dass mir das je jemand gesagt hätte. Dadurch war mein nächtlicher Adrenalinwert doppelt so hoch wie der Höchstwert des Labors.
  • Eine megaflache Kortisolkurve – kein Antrieb mehr, kein „Hey, ein neuer Tag, lass uns was tun“
  • Kaum Tiefschlaf seit Jahren

Und kein Arzt hat das je getestet. All meine normalen Blutwerte waren ok. Mal ein bisschen erhöhtes Cholesterin, aber nichts was bei meinen regelmäßigen Checks irgendeine rote Flagge gehisst hätte.

Ich bin sicher, dass die schwere OP, mit den hoch belastenden Narkosemitteln fü rmeinen Körper dann zu viel war. Da hat mein Körper dann die Reißleine gezogen. In meinem Falle sehr deutlich. Die OP hat das Faß zum überlaufen gebracht.

Bei vielen Menschen ist es eher eine schwelende Erschöpfung und Freudlosigkeit oder Konzentrationsprobleme und andere „normale“ Schwierigkeiten.

Die unbequeme Wahrheit über Therapie

Ich sage jetzt etwas, womit ich großen Frevel begehe:

Ich glaube, dass 50-60% der Menschen gar nicht in Psychotherapie gehören.

Zumindest nicht zuerst.

Sie gehören erst mal zu einem funktionellen Mediziner, der sie komplett neu aufstellt – hormonell, mit Cortisol-Spiegel, all die physiologischen Vorgänge.

Denn hier ist das Problem: Haben Menschen überhaupt die physiologischen und energetischen Grundlagen für die Arbeit, die wir machen? Ich würde inzwischen sagen: Viele haben die überhaupt nicht mehr.

Dami

Viele Menschen sind so erschöpft und so müde, dass es gar nicht möglich ist, die psychologische Arbeit zu machen. Weil sie viel zu viel Energie kostet.

Gehirnbahnung umzuarbeiten bedeutet: neue Erfahrungen machen, die verarbeiten, etwas lernen. Das braucht Energie. Echte, körperliche Energie.

Und wenn du dich umhörst: Wer sagt heute noch „Mein Leben ist cool, ich habe richtig viel Energie, ich schlafe gut, mein Stresspegel ist niedrig“?

Ich höre das selten.

Die große Lüge der Selbstregulation

Hier wird es jetzt unbequem für meine ganze Branche.

Selbstregulation ist nicht Runterregulation.

Das ist es aber, was inzwischen überall verkauft wird. Immer nur entspannen, zur Ruhe kommen, beruhigen. Ein paar polyvagale Übungen und das Leben ist gut. Ein bisschen Atmen und alles ist fein.

Aber Selbstregulation heißt: Ich kann schwingen.

Der Sympathikus ist nicht nur eine Stressachse. Er ist auch die Achse für Freude, Lust, Neugier, Exploration, Lebendigkeit. Der Parasympathikus macht nicht „Hey super, neuer Tag!“ – dafür brauchen wir den Sympathikus.

Heilung zeigt sich nicht darin, dass ich ständig entspannt bin.

Heilung zeigt sich darin, wie viel Lebendigkeit ich aushalten kann. Dass das Leben mich nicht ständig umhaut. Dass ich mit dem gehen kann, was kommt. Dass ich aufgeregt, neugierig und lebendig sein kann UND ich mich danach wieder beruhigen kann. Dass ich schwinge, mich anpassen kann – ich einfach lebendig bin.

Wenn du gesunde Kinder anschaust: Die heulen, die Welt geht unter – und fünf Minuten später spielen sie, lachen, springen. Das ist Schwingungsfähigkeit. Das ist Lebendigkeit.

Schaut man sich im Internet inzwischen um, so ist das Kredo: „Wir regulieren uns jetzt alle gemeinsam runter.“

Die Vereinfachungsfalle

Es werden leider immer wieder kleine Wissensfragmente rausgegriffen und gesagt: Das ist es, wenn du das machst, dann wirst du geheilt, dann ist dein Leiden beendet. Hier geht es lang. Diese Übung musst du nur oft genug machen.

Und wenn es nicht funktioniert? Dann liegt es an dir.

„Deine Manifestation ist nicht wahr geworden? Du hast wahrscheinlich noch zu viele negative Gedanken. Hier, kauf noch einen Kurs.“

Das ist das Geniale an der Selbsthilfe-Szene: Sie hat ein System geschaffen, in dem immer das Gegenüber schuld ist.

Aber ich frage dich mit gesundem Menschenverstand: Kann es sein, dass eine Übung – z.B. eine polyvagale Übung – für alle Millionen Menschen Heilung bringt?
Menschen sind so komplexe Organismen, wir verstehen bis heute kaum, wie unser Körper und unsere Psyche funktionieren.

Gäbe es diese eine Übung, diesen einen Ansatz, hätten wir doch längst keine Probleme mehr.

Es gibt leider nicht die Eine Sache, die dich in kurzer Zeit „heilt“. Heilung und Wachstum ist eher wie ein Puzzlespiel. Hier lerne ich etwas und übe es und mache neue Erfahrungen und merke mit der Zeit: Oh, jetzt hat sich mein Verhalten, mein Fühlen verändert. Dann kommt ein anderes Puzzlestück und ich merke vielleicht: damit kann ich gerade gar nichts anfangen. Und so geht die Suche weiter. Das ist das Leben.

Und mir ist vollkommen klar, dass das niemand wirklich hören möchte. Gerade, wenn wir sehr leiden, dann wollen wir eben Erlösung. Wir wollen, dass es endlich besser wird. Und wir sind so in unserem Denken beeinflusst von einer Medizin, die oftmals Pillen verschreibt, statt nach den Ursachen zu forschen, dass es diese Pille auch für unsere Psyche geben muss.

Es gibt sie leider nicht. Ich wünschte es wäre anders, aber noch ist mir in den 30 Jahren, die ich mich mit Psychotherapie, Trauma und Wachstum beschäftige nichts begegnet, dass diesen Wunsch erfüllen würde.

Und glaube mir: Hätte jemand wirklich diesen einen Ansatz, diese eine Übung, diese eine Therapieform, die dieses Ergebnis in kurzer Zeit hervorbringen würde: du wüsstest davon. Es würde sich herumsprechen wie ein Lauffeuer. Du würdest es den Menschen ansehen, weil sie so lebendig und voller Energie wären und du sie fragen würdest, wie das passiert ist?

Dem ist aber nicht so. Und ich fürchte, wir werden uns alle mit den kleinen Schritten begnügen müssen.
Doch auch die führen langsam zu mehr Stabilität, mehr Freude, mehr Lebendigkeit, mehr Beziehungsfähigkeit und mehr Erfüllung im Leben.
Ich hätte mir nie vorstellen können, wie gut mein Leben inzwischen ist.
Doch ist es jenseits von jedem Leiden – Nein, das ist es nicht und wird es nie sein.

Wir wissen gar nicht mehr, wie Lebendigkeit sich anfühlt

Ich habe letztes Jahr ein Interview der Harvard-Psychiaterin Dr. Georgia Ede gehört, die sich auf Ernährung spezialisiert hat. Sie sagte: „Wir haben ja alle gar keine Ahnung mehr, wie sich Lebendigkeit anfühlt.“

Ich habe das gehört und gedacht: Womöglich hat sie recht.

Jetzt kriege ich manchmal so eine Idee – einen Lichtblick – und denke: Krass. So könnte sich Leben anfühlen.

Und es ist bitter. Wirklich bitter. Zu sehen, was diese Last, die mein System seit 60 Jahren mit sich rumschleppt, mich gekostet hat.

Trotzdem, dass es mir gut geht. Trotzdem, dass ich stabil bin, einen Beruf habe, den ich liebe, eine Beziehung, die ich liebe. Die Energie ist trotzdem nicht da.

Man gewöhnt sich an seinen Zustand. Und die anderen um einen herum auch. Wir funktionieren noch. Wir machen noch nette Sachen. Und es ist gar nicht klar, was wirklich fehlt.

Die Karten, die wir bekommen haben

Das sind die Karten, die ich bekommen habe. Und ich muss lernen, damit zu spielen. Das ist eine Plattitüde und doch ist sie wahr.

Ich könnte ständig darüber nachdenken, wie mein Leben gewesen wäre mit anderen Karten. Aber das macht verbittert. Und da will ich nicht hin.

Ich habe früher öfter die Tochter einer Freundin gesehen und gedacht: Die kann mit 16 schon alles, was ich mir bis 45 mühsam erarbeitet habe. Das ist krass. Das gibt es auch. Und es ist ein Lichtblick, jemanden zu sehen, der einen super Start hatte.

Aber es ist, wie es ist.

Man kann ab und zu mal darüber weinen. Das finde ich legitim. Das tue ich auch. Aber letztlich möchte ich Frieden finden mit meinem Leben und dazu gehört eben auch, zu akzeptieren, wie es nunmal gewesen ist.

Was jetzt kommt

Nein, ich bin nicht fertig. Ich bin nicht geheilt. Ich habe Lichtblicke. Und ich habe frustrierende Tage, an denen ich nicht geschlafen habe und an nichts Freude finde.

Aber ich bin gespannt. Auf mich selbst. Darauf, wie sich das Leben noch anfühlen kann.

Dieses Jahr wird eine Biografie erscheinen. Erstaunlicherweise. Auch wenn ich mich dadurch noch älter fühle 🙂

Und ich werde einen Kurs machen über die physiologischen Grundlagen – zusammen mit meiner erfahrenen Heilpraktikerin. Damit Menschen die Basics bekommen. Weil allein sich das alles zusammenzusuchen – da ist man ewig unterwegs.

Ich habe gehört, die Sterne sagen, es wird dieses Jahr besser und leichter für uns alle!

Ich würde es mir für uns alle wünschen!

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Mehr Informationen

Dieses Gespräch habe ich mit meiner Kollegin Anke Sturm geführt. Danke, Anke, für deine Fragen. Und danke an dich, wenn du so lange gelesen hast. Ich hoffe, ich konnte ein paar Ideen zufügen und deine Welt ein bisschen erweitern – auch wenn es unbequeme Ideen sind.

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