Tanz ist das Gegenteil von Trauma

Wie uns Bewegung aus dem Trauma führen kann

Ein Gespräch mit Luisa Duvenbeck über Körper, Bewegung und warum Reden allein nicht reicht

Ich sage es immer wieder: Wie kann etwas, was im Körper stattfindet, ohne den Körper heilen?

Diese Frage treibt mich seit Jahrzehnten um. Und sie war auch der rote Faden in meinem Gespräch mit Luisa Duvenbeck – Körperpsychotherapeutin, Tanztherapeutin und eine Freundin und Kollegin, die ich sehr schätze. Luisa kommt aus einer etwas anderen Ecke als ich, nämlich aus der tanztherapeutischen Arbeit mit „Heilende Kräfte im Tanz“, einer Methode, die auf der Biodynamik von Gerda Boysen basiert.

Was dabei herauskam, war ein Gespräch, das mich bewegt hat. Und ein paar Einsichten, die ich hier mit dir teilen will.

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Als ich Luisa fragte, ob man Trauma eigentlich sehen kann, war ihre Antwort klar: Ja, absolut.

Trauma zeigt sich – im Körper und in der Bewegung

„Trauma geht oft einher mit einer Einschränkung des Bewegungsspektrums und auch der Kontaktfähigkeit“, erklärte sie mir. „Ich kann sehen, ob jemand hölzern ist. Ob der Atem flach ist. Ob die Füße den Boden nicht wirklich berühren – manchmal sind das richtige Brettchen, die keinen Kontakt zur Erde haben.“

Luisas Beobachtungen aus ihrer tanztherapeutischen Arbeit:

  • Ist jemand in der Lage, Blickkontakt zu halten?
  • Hat jemand Mimik?
  • Kann jemand in Resonanz gehen?
  • Kann sich jemand Freude erlauben – oder fokussiert die Person in der Abschlussrunde auf das, was sich „scheiße“ angefühlt hat, obwohl vorher deutlich Gelöstheit zu sehen war?

Dieser letzte Punkt hat mich besonders getroffen. Luisa beschrieb, wie sie manchmal während des Tanzens deutlich sieht, dass jemand in einem guten Zustand ist – eingetaucht, zufrieden, gelöst. Und dann, in der Abschlussrunde, wird nur über das Unangenehme gesprochen. „Es wird bedrohlich, wenn es schön ist“, sagte sie.

Das kenne ich so gut aus meiner eigenen Arbeit. Der Moment, in dem wir endlich mal runterfahren – und das System sofort Alarm schlägt, weil Entspannung sich wie Gefahr anfühlt.

Warum der Körper unumgänglich ist

Luisa brachte es auf den Punkt: „Die ganze Traumaforschung der letzten Jahrzehnte war eine Entpsychologisierung.“

Was sie damit meint: Trauma ist keine Störung im Kopf. Trauma ist eine biologisch unvollständige Reaktion. Kämpfen, Fliehen, Erstarren – das sind körperliche Reflexe. Wenn diese Reaktionen nicht abgeschlossen werden konnten, bleibt die Energie im System stecken. Das ist Biologie, nicht Psychologie.

Meine Ergänzung dazu: Auch Bindungstrauma, das ich in meiner Arbeit so oft sehe, ist im Kern körperlich. Die Fähigkeit, in Verbindung zu gehen, hängt davon ab, wie sehr ich mit mir selbst und mit meinem Körper verbunden bin. Wir sind als Säugetiere darauf geeicht zu binden – und wenn das nicht mit einer sicheren Person möglich war, binden wir eben an etwas anderes. Die Puppe. Den Computer. Die Spinne an der Wand.

Der Körper als Ressource – und als größte Gefahr

Hier liegt der Widerspruch, den so viele meiner Klientinnen kennen: Der Körper ist eigentlich die größte Ressource, die wir haben – weil da Freude, Wohlgefühl und Regulation stattfinden. Ohne Körper kann Trauma nicht heilen.

Aber gleichzeitig ist der Körper für viele Betroffene Quelle höchster Gefahr.

Wie schlägt man da eine Brücke?

Luisa beschrieb ihren Ansatz so: „Mit großer Langsamkeit. Manchmal geht es erst mal nur darum: Das ist meine Hand. Meine Hand liegt auf meinem Knie. Diese Gegenseitigkeit spüren – die Hand fühlt die Berührung vom Knie, das Knie fühlt die Berührung der Hand.“

So simpel. Und so wichtig.

Es geht darum, die Körperempfindung von den Gedanken, Emotionen und Bildern zu trennen. Immer wieder. Und dazu brauchen wir den inneren Beobachter – den wir tatsächlich im Tanz und in der Bewegung stärken können.

Self-Contained-Happiness

Ein Begriff, den ich nie vergessen habe, stammt von Gerda Boysen: Self-Contained-Happiness. Ein in sich selbst gehaltenes Glück, das nichts damit zu tun hat, was gerade von außen kommt.

Wir jagen so oft dem äußeren Glück hinterher – der Anerkennung, den Erfolgen, den Beziehungen, die uns endlich heilen sollen. Aber dieses Gefühl von Lebendigkeit, das in uns selbst existiert und nicht von den Umständen abhängt – das ist es, worum es wirklich geht.

Luisa sagte dazu: „Und das ist tatsächlich das, wo wir hinkommen können, wenn wir in dieser Art zu tanzen lernen.“

Ist das nicht das, wovon wir alle träumen? Nicht nur die Abwesenheit von Schmerz, sondern echte, eigenständige Lebendigkeit?

Tanz als Experimentierraum

Was mich an Luisas Arbeit besonders anspricht: Sie schafft in ihren Gruppen einen wertfreien Experimentierraum. Einen sicheren Rahmen, in dem erst mal alles okay ist.

Das ist für Betroffene oft das Schwerste überhaupt – zu experimentieren, ohne sofort zu bewerten. Sich zu erlauben, mal müde zu sein und sich hinzulegen. Sich zu erlauben, Raum einzunehmen.

Luisa erzählte mir, wie in längerfristigen Gruppen die „alten Hasen“ für die Neuen vorleben, was möglich ist: „Heute war ich müde, ich habe mich hingelegt und geschlafen.“ Und die Neuen denken erst mal: „Das kann man hier machen?“ Ja. Das kann man. Und es ist ein Geschenk an die ganze Gruppe, wenn jemand einem Impuls nachgeht, der heilsam für den Körper ist.

Genau das gleiche beobachten wir in unseren Prozessgruppen. Wie lange es dauert, bis Menschen sich trauen, sich einfach mal daneben zu setzen oder gar zu schlafen. Oder um Hilfe zu bitten oder um Körperkontakt. Und wie wichtig und befreiend es ist, so etwas wieder zu lernen.

Selbst Psychotherapie ist heute zu Arbeit geworden, die wir möglichst schnell und effizient machen wollen.

Der Aha-Moment: Ich bin nicht verrückt

Luisa hat vor Jahren meine Ausbildung besucht, und sie erzählte mir von dem Moment, der für sie alles verändert hat:

„Ach, ich bin überhaupt nicht verrückt. Es ist einfach nur mein Körper und mein Nervensystem, die dysreguliert sind.“

Dieser Satz. Ich höre ihn immer wieder, in verschiedenen Variationen. Und er trifft jedes Mal ins Herz.

Zu verstehen, dass das, was mit uns los ist, eine logische Reaktion auf überwältigende Erfahrungen ist – und keine Charakterschwäche, kein Versagen, keine Verrücktheit – das verändert alles.

Was ich mitnehme

Dieses Gespräch hat mich daran erinnert, warum ich diese Arbeit mache. Die Veränderung zu sehen – bei mir selbst und bei anderen. Menschen, die sich in Richtung mehr Weite, Lebendigkeit und Zufriedenheit bewegen. Das ist einfach wunderschön.

Tanz ist vielleicht wirklich das Gegenteil von Trauma.

Trauma ist Erstarrung, eingeschränkte Bewegung, abgeschnittene Lebendigkeit. Tanz ist Fließen, Ausdruck, Verbindung mit dem eigenen Körper und mit anderen.

Aber hier liegt auch die Hoffnung: Was erstarrt ist, kann wieder ins Fließen kommen. Was eingeschränkt wurde, kann sich wieder weiten. Und was abgeschnitten wurde, kann wieder verbunden werden.

Nicht durch noch mehr Reden. Sondern durch den Körper.

*Luisa Duvenbeck arbeitet in Bremen als Körperpsychotherapeutin und Tanztherapeutin. Mehr über ihre Arbeit mit „Heilende Kräfte im Tanz“ findest du auf ihrer Website: https://koerperwege-duvenbeck.de/*

Wenn dich das Thema Trauma und Körper interessiert, findest du bei mir Online-Kurse und Fortbildungen, die genau dort ansetzen, wo reine Gesprächstherapie aufhört – beim deinem Körper, Erleben und Empfinden.

Den gesamten Onlinekongress, von dem dieses Interview ein Auszug ist, kannst Du hier bekommen: https://shop.damicharf.com/collections/online-kurse/products/onlinekongress-trauma-koerper-2022

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