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Ist es nicht verrückt?

26.07.2019 | 3 Kommentare

Die etwas andere Sicht auf unseren normalen Alltag

Stell dir vor du bist auf einer Reise und  kommst in eine neue und fremde Stadt. Du machst eine Sight-Seeing Tour in dieser Stadt und wirst plötzlich Zeuge eines Autounfalls.
Jemand wird angefahren – du drehst dich um und willst Hilfe leisten. In dem Moment steigt der Fahrer des Wagens aus und schaut den Verunglückten mitleidig an und sagt: „Oh, das war jetzt ein Ausrutscher! Tut mir leid, das war nicht meine Absicht“. Dann steigt er in sein Auto und fährt davon.
Du bleibst erschrocken und empört zurück….
So ein Verhalten wäre verrückt, oder?

Dann gehst du weiter durch die Straßen und siehst wie jemand von der Leiter fällt und sich den Arm bricht. Wieder möchtest du helfen und wieder kommt eine andere Person, die den Verletzten anspricht:
„Oh, du Armer bist von der Leiter gefallen. Ich glaube dir, dass es weh tut aber keine Sorge, das wird schon wieder- Du musst jetzt wieder nach vorne schauen.
“So ein Verhalten wäre verrückt, oder?

Selbst Schuld!

Du gehst weiter und beobachtest einen Menschen der offensichtlich auf der Strasse lebt, der verwundet ist und Hilfe braucht. Aber um diesen Menschen kümmert sich niemand. Er wird „lediglich“ mit Mitleid bedacht und man sieht förmlich die Gedanken der Passanten: „selbst Schuld“.
So ein Verhalten wäre verrückt, oder?

Ist es nicht verrückt im Sinne von ver-rückt, dass wir in unserer Gesellschaft den Menschen, die verletzt sind, die unsere Hilfe und Unterstützung brauchen, letztendlich nicht zur Seite stehen!? Wir gehen davon aus, dass sie es schon selbst schaffen und sich auch nicht so anstellen sollen, weil die Zeit alle Wunden heilt, man doch selbst Schuld ist und man in die Zukunft schauen soll. „Du das ist jetzt schon 4 Wochen her, du musst dich mal nach vorne orientieren!“, ist etwas das oft gesagt wird.

So sind wir „fein raus“ und müssen uns nicht kümmern.

Du fragst dich, in welcher Stadt du hier gelandet bist….aber seien wir ehrlich, wir leben alle in diesen Städten!

Das ist das, was täglich passiert!

  • was Kindern passiert, die sexualisierte Gewalt erlebt haben
  • was Menschen passiert, die verletzt sind
  • was Menschen passiert, die um ihre Beziehung trauern
  • was Menschen passiert, die jemanden verloren haben
  • was Menschen passiert, die chronische Schmerzen haben etc.

Von der Ursprungsverletzung zum Sekundärtrauma

Hast du eine Idee davon, was es für uns bedeutet, wenn wir so miteinander umgehen – oder so mit uns umgegangen wird? Es macht Menschen verrückt und sie zweifeln an ihrer Warhnehmung, wenn niemand auf ihren Schmerz und ihre Verletzung reagiert.
Kinder als Opfer sexualisierter Gewalt müssen bis zu 5-7 Personen ansprechen, um sich Gehör zu verschaffen. In den Familien selbst werden „ihre Geschichten“ oft bagatellisiert.
Trauernde, die einen geliebten Menschen verloren haben, sollen nach 2 Wochen bereits wieder arbeitsfähig sein, auch nach Operationen sollte man sich nicht so anstellen…..usw.
Wir nehmen den tatsächlichen, realen Schmerz nicht ernst und kümmern uns nicht!Stattdessen sagen wir oft Sachen, die den Schmerz der Person abwehrt. Empathie mit einem anderen Menschen kann weh tun. So halten wir den Schmerz von uns – ja von der ganzen Gesellschaft, fern.

Diese Umgangsweise ist eine der Hauptursachen für traumatische Folgeerscheinungen
Die ursprüngliche Verletzung (sowohl eine psychische als auch eine physische ), die uns widerfahren ist, ist das eine, der tatsächliche Umgang mit dem Geschehen und dem, was danach kommt das andere.
Wenn uns niemand glaubt, niemand ernst nimmt, sich niemand wirklich kümmert, so vertieft sich unsere Verletzung und kann nur schwer – wenn überhaupt – heilen. Vielmehr kommen wir dann auf die Idee, das wohl etwas mit uns nicht in Ordnung ist! Eine schwerwiegende Schlussfolgerung, die letztendlich zu einer Sekundärtraumatisierung führen kann!

Das Wesen von Sekundärtraumatisierung ist sozusagen die Folge von einer „Ursprungsverletzung“, um die sich niemand in aller Ernsthaftigkeit gekümmert hat. Sie betrifft die Betroffenen selbst. Über sie wird zu wenig geredet, niemand sieht, wie schlimm es ist, mit all dem Erlebten alleine zu sein und allein gelassen zu werden und sich  darüber letztendlich immer einsamer zu fühlen.
Dieses Meer von Einsamkeit, das sich inzwischen in unserer Gesellschaft ausgebreitet hat, hat etwas mit unseren tiefsten inneren Verletzungen zu tun, die nie beachtet worden sind und dennoch in uns wirken. Und dabei haben wir immer das Gefühl, ich muss es irgendwie alleine schaffen, ich muss selbst damit klarkommen.

Niemand hält meine Hand und ist für mich da.

Der etwas andere Umgang mit sich selbst und anderen!

Es ist verrückt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir so mit Menschen umgehen. Sollte es nicht vielmehr so sein, dass wir uns uns um die Leiden und Verletzungen von anderen Menschen aus einem menschlichen Mitgefühl heraus kümmern und Trost spenden, da sind für die Betroffenen und Interesse an ihnen zeigen!?

  1. Stell dir vor, jemand wäre sofort für dich da gewesen, als dir etwas passiert ist.
  2. Stell dir vor,  jemand hätte zu dir gesagt: „Das ist ganz schlimm und schrecklich, was dir da passiert ist. Ich nehme dich in den Arm und beschütze dich und sorge dafür, dass das nie wieder passiert! Ich bin für dich da und glaube dir, mit dir ist nichts falsch! Du musst dich für nichts schämen, die andere Person muss sich schämen.“
  3. Stell dir vor, du würdest sofort Zuspruch und Schutz bekommen
  4. Stell dir vor, wir sind aufgehoben in einer  Gemeinschaft, die für uns eintritt
  5. Stell dir vor, dich hätte jemand direkt getröstet…

Sich selbst und andere ernst nehmen

Wichtig ist mir, dass wir wirklich alle lernen, mit dem Leiden einer anderen Person mitfühlender umzugehen und sie ernst zu nehmen. Wir sollten aufhören, den Schmerz des Gegenübers zu bagatellisieren…auch wenn wir uns dadurch selbst schützen möchten.

Dazu gehört v.a. auch, dass du dich selbst ernst nimmst mit deinem eigenen Leid ohne dich zu bemitleiden.
Vielmehr geht es um das Mitgefühl mit dir selbst!
Wenn wir uns ernst nehmen, unsere Scham mit ins Boot nehmen, unsere Schuld ablegen und anfangen zu trauern über die Vergangenheit und das Geschehene, schaffen wir gleichzeitig Platz für Neues.

Wenn wir diese Sichtweise wieder mehr in unser Bewusstsein bringen, wird sich der ver-rückte Blick auf die Welt wieder grade rücken!

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Mit diesen Fragen habe ich mich 2016 auseinandergesetzt und meine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht. Darüber möchte ich dir heute mehr erzählen.

3 Kommentare

  1. Sigrid

    Liebe Dami,
    du sprichst mir so aus der Seele mit dem Thema der ver-rückten Welt. Wenn ein erlebtes Trauma ein Gutes hat, dann ist es ein Verständnis und Mitgefühl, dass daraus entstehen kann. Das spüre ich bei Dir. In Verbundenheit grüßt Sigrid

    Antworten
    • Dami

      Ganz lieben Dank Sigrid!

      Antworten
  2. Dami

    Danke für die weiterveröffentlichung!

    Antworten

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