Was diese Sympathikusblockade kann — und mein Selbstversuch
Ich bin seit 30 Jahren als Körperpsychotherapeutin tätig. Ich habe viel gelernt, viel gesehen und einiges auch selbst ausprobiert. Dreißig Jahre Erfahrung — und dann sitze ich da und forsche nach etwas, von dem ich noch nie gehört habe: der Stellatumblockade. Oder genauer: der Sympathikusblockade. Ein Eingriff, der in Deutschland kaum bekannt ist. In den USA längst mit beeindruckenden Daten belegt. Und für mich — nach 40 Jahren eigener Reise — eine Erfahrung, die ich so nicht erwartet hatte.
Wie es dazu kam:
Da ich immer mein eigenes Versuchskaninchen bin und einfach mit Begeisterung neugierig bin, habe ich mal wieder recherchiert: Wie kann man Therapie effektiver machen?
Wie kann es sein, dass so viele Menschen sich auch noch nach jahrelanger Psychotherapie nicht lebendig fühlen?
Der Ansatz über den Körper, der Einbezug von Bindung und Menschlichkeit und dem Schaffen neuer Erfahrungen mit denen ich und mein Team arbeiten, ist schon weit vorne in der Wirksamkeit von therapeutischen Verfahren.
Dennoch bin ich immer auf der Suche nach anderen Verfahren und Möglichkeiten. Das hat mich schon zu spannenden Selbstversuchen geführt, wie z.B. auch die Arbeit mit MDMA.
Diesmal wurde mir von Claude.ai etwas ausgespuckt, das ich noch nie gehört hatte: Die Stellatumblockade.
Mein erster Gedanke: Was ist das denn? Mein zweiter: Das schaue ich mir an.
Was ist eine Stellatumblockade? Die Methode erklärt
Die Stellatumblockade — medizinisch auch Stellate Ganglion Block (SGB) oder Sympathikusblockade genannt — ist ein minimal-invasiver Eingriff: Eine lokale Betäubung wird unter Ultraschallsicht in das Ganglion Stellatum injiziert, einem Nervenknoten des Sympathikus am Hals. Das klingt komplizierter, als es ist.
Der Sympathikus ist unser Aktivierungssystem. Jeder, der mit Trauma vertraut ist, kennt das: Der Körper springt an. Herzrasen, kalte Hände, Brust unter Spannung. Das ist kein Versagen — das ist ein Nervensystem, das gelernt hat zu überleben.
Ich selbst habe gar keine dieser akuten Symptomatiken mehr, aber dennoch ist mein Körper immer unter mehr Stress als er müsste. Mein Verstand ist entspannt, mein Körper nicht. Ja, auch meine Selbstregulation ist heute Klassen besser als früher und… mein Alltagsstressniveau dürfte niedriger sein.
Das Problem: Der Sympathikus lernt anders als wir. Er speichert nicht durch neue Nervenzellen, sondern funktionell — wie eine Schleife, die sich immer wieder selbst bestätigt.
Ein Bild, das das verdeutlicht und das ich gerne nutze ist das klassische Pferd-Reiter Problem. Der Reiter hat einen stressigen Tag und setzt sich aufs Pferd. Das Pferd nimmt die Spannung wahr und denkt „Oh, da muss etwas sein, das gefährlich ist, sonst wäre mein Reiter nicht so unter Spannung“, dadurch reagiert das Pferd nervöser und wird zappliger. Der Reiter nimmt dies wiederum wahr und denkt, oh ich muss aufpassen. Mein Pferd ist unberechenbar heute und ich muss aufpassen.
Dies nimmt wiederum das Pferd wahr und denkt: Oh, die Gefahr scheint näher zu kommen….
Und diese Schleife löst sich nicht durch Reden. Sie löst sich durch Unterbrechung.
Genau das ist das Prinzip der Sympathikusblockade: Das Betäubungsmittel schaltet den Sympathikus am Halsbereich für kurze Zeit deutlich herunter. Wenn er wieder hochfährt — hat er seinen Anteil am Trauma kurzzeitig „vergessen“. Die Dauerschleife ist unterbrochen. Und weil es ums Unterbrechen geht, wirkt die Methode weit über die Dauer des Betäubungsmittels hinaus.
Wie läuft eine Stellatumblockade ab? Der genaue Ablauf
Christian Selig — Biologe und funktioneller Mediziner in Würzburg, einer der wenigen Ärzte in Deutschland, der diese Methode bei Traumafolgestörungen einsetzt — hat mir den Ablauf im Detail erklärt. Und ich habe ihn selbst erlebt.
Achtung: Für Menschen wie mich, die Angst vor Spritzen haben, ist der Eingriff nicht stressfrei, aber für mich war es gut möglich.
Der Eingriff Schritt für Schritt
- Du liegst auf einer normalen Liege, Kopf leicht überstreckt und zur Seite gedreht
- Der Arzt desinfiziert die Haut, deckt den Bereich steril ab
- Oberflächliche Betäubung der Haut — der einzige Moment, wo man wirklich etwas spürt
- Unter kontinuierlicher Ultraschall-Sicht wird die Nadel an den Sympathikus geführt — der Arzt sieht zu jeder Sekunde, wo die Nadelspitze ist
- Das Betäubungsmittel wird eingebracht. Rausziehen. Fertig.
- Danach: 45 Minuten Nachüberwachung in der Praxis
- Reine Liegezeit unter Intervention: 5 bis maximal 20 Minuten
Was du unbedingt wissen solltest
Was mich wirklich gestresst hat: Das Schlucken funktioniert danach nicht mehr oder nur noch schlecht. Nicht weil etwas falsch läuft — die Schluckmuskulatur ist kurzzeitig mitbetäubt. Ich habe zwei Stunden im Auto mit einem kleinen Spuckeimerchen gesessen. Dafür:
- Keine Spritze spürbar (nach oberflächlicher Betäubung)
- Kein dauerhafter Schmerz — kurzes Stechen möglich, war in zwei Minuten weg
- Horner-Syndrom danach: hängendes Augenlid, kleinere Pupille, rote Bindehaut — das ist der Nachweis, dass man an der richtigen Stelle war. Klingt dramatischer als es ist. Man fühlt sich kurzzeitig ein bisschen wie Sylvester Stallone, mir wurde aber versichert, dass es sich von innen anscheinend dramatischer anfühlt, als von außen sichtbar.
- Du brauchst eine Begleitperson für die Heimfahrt und am besten für die ganze Zeit. Händchen halten kann einfach sehr entlastend sein.
Das Verfahren selbst ist über 100 Jahre alt. Unter Ultraschall-Kontrolle gilt es als extrem sicher. Es ist früher bei Menschen mit Bluthochdruck angewendet worden, bevor es Arzneimittel gab.
Mein Selbstversuch: Was die Stellatumblockade bei mir ausgelöst hat
Was nach dem Eingriff passierte, war nicht das, was ich erwartet hatte. Ich lag da. Dachte: Jetzt ist er fertig. Ich merke gar nichts. Dann — wie so ein Tsunami, der über mir einbricht. Mein Körper hat geweint. Richtig. Zittern, Abreagieren. Und gleichzeitig war ich nicht überwältigt. Was hochkam, war klar: Dass ich als Kind einfach keine Chance hatte. Das wusste ich lange. Aber so fühlen konnte ich es noch nie.
Es war heftig. Und es war auszuhalten.
Der Tag danach: Ich habe den ganzen Tag vor mich hin gesummt. Das tue ich nicht. Anke und Susanne haben gesagt, der Unterschied zu meinem sonstigen Selbst sei ziemlich krass. Ein Konflikt kam auf mich zu — und statt meinem üblichen Gedankenkarussell war da nur ein Gedanke: Das hat eigentlich gar nichts mit mir zu tun.
Gelassene Heiterkeit. Eine andere Geschmacksrichtung des Lebens — das ist mein Bild dafür.
Inzwischen ist der Eingriff 8 Wochen her und ich möchte ihn nicht missen. Es fühlt sich an, als würde sich mein Leben ordnen, Dinge an ihren Platz fallen. Ganz unspektakulär spektakulär. Ich fühle mich weniger getrieben, weniger im Stress. Die kleinen schönen Dinge kommen mehr bei mir an, ich genieße das Leben mehr.
Nach drei, vier Tagen: erstmals 60–90 Minuten Tiefschlaf. Eines meiner Hauptthemen seit Jahren.
Wir planen bereits, mit einigen Freundinnen wiederzukommen. Im Juni werde ich nochmal beide Seiten machen lassen, diesmal hatten wir nur rechts gearbeitet.
Was die Forschung zur Sympathikus Blockade bei PTBS sagt
Die Sympathikusblockade ist in den USA bereits gut erforscht — besonders für PTBS und Traumafolgestörungen. Dr. Eugene Lipov, einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, hat Ergebnisse publiziert, die in der konventionellen Traumatherapie selten zu sehen sind: messbare, anhaltende Reduktion der Hyperarousal-Symptomatik — oft nach einer einzigen Behandlung.
Was biologisch dahintersteckt: Der Sympathikus bildet bei Dauerbelastung eine Art Gedächtnis — funktionell, ohne neue Nervenzellen. Das lässt sich nicht durch Verstehen auflösen. Aber durch kurzes Unterbrechen. Die Wirkungsdauer des Betäubungsmittels ist dabei irrelevant — entscheidend ist allein das Unterbrechen der Dauerschleife.
In der Praxis zeigt sich das so: Viele Patientinnen und Patienten, die jahrelang Gesprächstherapie gemacht haben und kognitiv alles wussten — konnten nach der Stellatumblockade das Gelernte zum ersten Mal auch wirklich umsetzen. Weil plötzlich Raum zwischen Reiz und Reaktion entstand.
| 🔬 Wichtig zu wissen Die Stellatumblockade ist kein Allheilmittel. Sie ist ein Öffner — für alles, was du schon aufgebaut hast. Wer viel Therapiearbeit geleistet hat und spürt, dass der Körper trotzdem nicht mitmacht: Für diese Menschen ist der Effekt oft am stärksten. Je mehr Ressourcen dahinter warten, desto mehr kann die Methode diese zugänglich machen. Andererseits kann sie auch ein Türöffner sein für Menschen, die kaum Therapie machen können, weil sie ständig überflutet sind und kaum Kontakt oder neue Wahrnehmungen zulassen können. |
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Mehr InformationenFür wen ist die Stellatumblockade geeignet — und für wen nicht
Gut geeignet, wenn du …
- … bereits viel therapeutische Arbeit geleistet hast, aber der Körper trotzdem nicht mitmacht
- … kognitiv weißt, was du tun müsstest — aber die Sympathikus-Aktivierung immer wieder übernimmt
- … bei bestimmten Triggern sofort in Trauma-Reaktionsmuster springst, obwohl du es nicht willst
- … therapiefrustriert bist und einen anderen Zugang suchst
Weniger geeignet, wenn …
- … du noch keinerlei therapeutische Basis aufgebaut hast (die Blockade braucht etwas, das sie öffnen kann)
- … starker Abscheu gegen Eingriffe im Halsbereich besteht — hier wäre Ketamininfusion eine Alternative
- … bestimmte medizinische Kontraindikationen vorliegen (wird vom Arzt im Vorgespräch geprüft)
Was mich wirklich bewegt
Wir bekommen täglich Mails von Menschen, die Jahre und Jahre in Therapie waren. Die erschöpft sind. Die das Gefühl haben, sie haben alles versucht — und es reicht nicht.
Wir bewegen uns therapeutisch immer noch auf dem Niveau des letzten Jahrhunderts. Es gibt Neurowissenschaften. Es gibt Körpermedizin. Es gibt Erkenntnisse, die unsere Praxis radikal verändern könnten. Und wir reden. Weiter und weiter. Das bricht mir manchmal das Herz.
Die Stellatumblockade ist ein Puzzleteil. Nicht das einzige. Aber eines, das bei mir persönlich — und offensichtlich vielen von Christians Patienten — einen spürbaren Unterschied gemacht hat. Und das verdient Aufmerksamkeit. Besonders jetzt, solange das in Deutschland noch kaum jemand kennt.
Wenn du mehr erfahren möchtest
Das ausführliche Gespräch mit Dr. Christian Selig — inklusive aller Details zum Eingriff, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Fallbeispielen — findest hier im Video. Hör rein. Und wenn du eigene Erfahrungen mit der Stellatumblockade oder Sympathikus Blockade gemacht hast: Ich freue mich über deinen Bericht — bei YouTube oder per Mail.
Neugier ist keine Schwäche. Sie ist der Anfang von allem, was wirklich heilt.
Möge dein Himmel blauer werden.
Links:
Christian Selig Praxis: https://www.trauma-blockade.de/
Dr. Eugene Lipov: https://dreugenelipov.com/?srsltid=AfmBOorP4vGkIuWmLDXohvO-5C9oEKTnmqXq1DTB8Y13kxRCyanvoAlh
Links zu weiterführenden Artikeln von mir:
Warum Trauma mehr ist als eine PTBS:
https://traumaheilung.de/warum-trauma-mehr-ist-als-eine-posttraumatische-belastungsstoerung-ptbs/
Psychotherapien bei Trauma und warum sie oft nicht wirken
https://traumaheilung.de/warum-die-meisten-psychotherapien-bei-trauma-nicht-wirken/
Häufige Fragen zur Stellatumblockade (FAQ)
Was ist eine Stellatumblockade?
Die Stellatumblockade (auch: Stellate Ganglion Block, SGB) ist eine gezielte Betäubung des Ganglion tellatum — eines Nervenknotens des Sympathikus am Hals — unter Ultraschallsicht. Sie unterbricht kurzzeitig die chronische Stressschleife des autonomen Nervensystems. Ursprünglich für andere Zwecke entwickelt, wird sie heute zunehmend bei Traumafolgestörungen und PTBS eingesetzt.
Was ist der Unterschied zwischen Stellatumblockade und Sympathikus Blockade?
Die Begriffe werden oft synonym verwendet. Genauer: Die Sympathikus Blockade ist der Oberbegriff — sie kann an verschiedenen Stellen des Sympathikusstrangs durchgeführt werden. Die Stellatumblockade bezeichnet spezifisch die Blockade am Ganglion stellatum im Halsbereich, das für den gesamten Kopf- und Schulterbereich zuständig ist und deshalb bevorzugt eingesetzt wird.
Wie viele Sitzungen braucht man?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Manche Patientinnen berichten von dauerhafter Veränderung nach einer einzigen Sitzung. Andere brauchen mehrere. Entscheidend ist, wie viel therapeutische Ressource bereits vorhanden ist, auf die die Blockade aufbauen kann.
Wie lange hält die Wirkung der Stellatumblockade an?
Die Wirkdauer hängt nicht vom Betäubungsmittel ab (das wirkt nur Stunden), sondern von der Unterbrechung der Stressschleife. Viele berichten von Wochen bis Monaten anhaltender Wirkung. Einzelfälle berichten von dauerhafter Veränderung nach einer einzigen Sympathikus Blockade — das ist selten, aber dokumentiert.
Ist die Stellatumblockade in Deutschland legal und sicher?
Ja. Das Verfahren ist über 100 Jahre alt und unter modernen Ultraschall-Bedingungen gilt es als sehr sicher. In Deutschland wird es von einzelnen funktionellen Medizinern angeboten — Dr. Christian Selig in Würzburg ist einer der erfahrensten Anbieter für den Traumabereich.
Was kostet eine Stellatumblockade?
Aktuell handelt es sich um eine Privatleistung, da das Verfahren für diese Indikation nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung ist. Die Kosten variieren je nach Praxis und Aufwand — bitte direkt bei der Praxis anfragen.
Gibt es Alternativen zur Stellatumblockade?
Als alternative körpermedizinische Interventionen werden Ketamininfusionen eingesetzt — ebenfalls von Dr. Selig angeboten. Für Menschen mit starkem Abscheu gegen den Halsbereich kann das eine Option sein. Beide Methoden ergänzen Therapie — sie ersetzen sie nicht.